Telefonreanimation auf der akut in Bremen: Sich beim Helfen helfen lassen

Sonntagnachmittag am Kaffeetisch. Eben sitzt die Familie noch gemütlich zusammen, da bricht plötzlich der Vater zusammen, nach wenigen Augenblicken atmet er nicht mehr, sein Herz hört auf zu schlagen. In Panik wählt die Ehefrau den Notruf, doch bis Retter vor Ort sind und mit der Reanimation beginnen, vergehen wertvolle Minuten. Diese Zeit sinnvoll zu nutzen: Wie das geht, gehört  zu den aktuellen Themen der diesjährigen Kongressmesse „akut – Deutsches Forum Notfallmedizin & Rettung“.

Am Freitag und Samstag, 5. und 6. Oktober 2012, treffen sich dabei in der Messe Bremen unter anderem Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Feuerwehr, Polizei und Katastrophenschutz sowie Notfallmediziner  zur gemeinsamen Fortbildung und interdisziplinärem Austausch.

Workshop zur Telefonreanimation auf der akut

Rund 90 Referenten beleuchten und diskutieren in mehr als 40 Vortragssitzungen und Workshops aktuelle Themen und Fragen der Notfallrettung. Dazu zählt auch die Reaktion auf Notrufe wie den beschriebenen. Achim Hackstein tritt gemeinsam mit anderen versierten Kollegen in Workshops am Freitag und Samstag für ein noch wenig verbreitetes Konzept  ein: die Telefonreanimation. Dabei führt der Leitstellen-Disponent die Anrufenden, die ja in aller Regel Laien sind, am Telefon durch die Schritte der Herz-Lungen-Wiederbelebung. Wenn dann der Notarzt eintrifft, haben die Angehörigen schon getan, was ihnen an Hilfe möglich war. „Und diese Hilfe wirkt“, sagt Hackstein. Er leitet eine große Rettungsleitstelle in Schleswig-Holstein und hat die Telefonreanimation hier in 2010 systematisch eingeführt. 230 Mal war seither eine Telefonreanimation nötig, weil Menschen einen Kreislauf-Stillstand erlitten hatten. „35 Betroffene bzw. 15,2 Prozent konnten das Krankenhaus ohne neurologische Schäden infolge von Sauerstoffmangel verlassen“, hat  Hackstein errechnet. „Im Bundesdurchschnitt sind es bislang nur drei bis acht Prozent.“

Einsatz von Telefonreanimation bislang nur in wenigen Leitstellen üblich

Konsequenter Einsatz von Telefonreanimation ist bislang nur in wenigen Leitstellen üblich, darunter Braunschweig-Peine-Wolfenbüttel und Bremen. Das hoffen Hackstein und die weiteren Referenten durch Überzeugungsarbeit während der akut zu ändern. Auch ein Argument: Die neuen Leitlinien des European Resuscitation Council ordnen der Leitstelle und besonders den Disponenten noch mehr Verantwortung in der Rettungskette als bisher zu. Nach diesen Leitlinien, die verbindliche Grundlage der Reanimation in Deutschland sind, sollen die Disponenten Hilfe suchenden Anrufern bei Bedarf Reanimationshandlungsanweisungen geben. Das bedingt zugleich, dass sie vorher den Zustand eines Patienten systematisch erfragt haben, um zu einer sicheren Einschätzung zu gelangen. Die Leitlinien verlangen darum auch, Anrufende nach einem vorgegebenen strengen Protokoll zu befragen – auch die standardisierte Notrufabfrage ist Hackstein zufolge aber in den 250 Leitstellen in Deutschland nicht die Regel.

Einsätze im Zusammenhang mit alternativen Energien als Schwerpunktthema

Zu den aktuellen Schwerpunktthemen der Kongressmesse zählen darüber hinaus diesmal Einsätze im Zusammenhang mit alternativen Energien. So geht es um Biogasanlagen und Offshore-Windkraftplattformen oder die Rettung aus Fahrzeugen, die mit alternativen Antrieben wie Strom, Gas oder Wasserstoff betrieben werden. Was ist bei der technischen Rettung zu bedenken? Haben Retter Grund zur Sorge, sich zu verletzen? Stets wichtig bei der akut sind Großschadensereignisse bzw. ihre Vermeidung. Wie bereitet man sich auf Großveranstaltungen vor, welche Erfahrungen hat man mit Autobahnunfällen? Bei der akut lassen sich Großeinsätze mit dem Simulationssystem SimCode P oder die Triage trainieren, die sekundenschnelle Entscheidung, wer zuerst behandelt werden muss und wer warten kann.

Auch traditionelle Hilfsmittel im Fokus auf der akut in Bremen

Im Fokus stehen zudem traditionell Hilfsmittel. „Technik im Rettungsdienst – zu viel des Guten?“ heißt der Titel einer Veranstaltung am Samstag. „Beatmungsgeräte können immer mehr und werden immer teurer, aber brauchen wir den ganzen Schnickschnack?“, umreißt der Notfallmediziner Professor Dr. Georg von Knobelsdorff eine Fragestellung der Sitzung. Einen Zukunftstrend sieht er demgegenüber im Intubieren mit Videounterstützung: „Diese Geräte vereinfachen es sehr, Beatmungsschläuche zu legen, und werden bestimmt Standard auf Rettungswagen.“ Auch Adipositas-Fahrzeuge, drittes Thema der Veranstaltung, hält von Knobelsdorff für sinnvoll. Solche Rettungswagen sind für den sicheren Transport von Menschen mit extremem Übergewicht ausgelegt. Da der Anteil extrem Fettleibiger und damit auch solcher Einsätze stetig wächst, herrscht wachsender Bedarf an Fahrzeugen, die für Schwerlast ausgelegt sind. „Es ist aber auch nicht nötig, dass jeder Landkreis so einen Wagen hat“, sagt von Knobelsdorff. „Ich will für die gemeinsame Nutzung werben.“

akut wird schon zum dritten Mal veranstaltet

Die akut wird zum dritten Mal veranstaltet. Parallel finden erstmals die Weber Rescue Days statt, die weltgrößte Ausbildungsveranstaltung in technischer Rettung. Besucher der akut können die Rescue Days, zu denen 800 Teilnehmer aus 20 Ländern erwartet werden, umsonst beobachten.  Mehr Infos, ausführliches Programm und Anmeldung unter www.akut-bremen.de.

Bild: akut – Deutsches Forum Notfallmedizin & Rettung

Weitere Beiträge:
Ein Techniker stürzt bei der Wartung einer Windkraftanlage aus großer Höhe in die Nordsee und verletzt sich schwer – wie versorgen ihn Rettungsdienst und Notärzte auf hoher ... mehr
Die akut 2012 findet am 5. und 6. Oktober auf der Messe in Bremen statt. In diesen beiden Tagen erwartet die Besucher neben einer hochwertigen Messe vor allem ein Fachkongress rund um die Themen ... mehr
Auch im Jahr 2012 laden wir Sie wieder herzlich zu akut 2012 in Bremen ein. Nach den beiden sehr erfolgreichen Vorgängerveranstaltungen im Jahr 2008 und 2010 mit jeweils weit über 2000 ... mehr
Diese User waren vor Ort
Hinterlegte Stichworte (Tags)
Bilder und Videos zu diesem Beitrag
Empfehlungen von anderen Nutzern
Jetzt mit Facebook Connect auf retter.tv anmelden

Das könnte Sie auch interessieren
Ein Techniker stürzt bei der Wartung einer Windkraftanlage aus großer Höhe in die Nordsee und verletzt sich schwer – wie versorgen ihn Rettungsdienst und Notärzte auf hoher ... mehr
am 05.10.2012 09:24
von Messe akut     
13. Hannoversches Notfallsymposium Workshop Thoraxdrainage
Das 14. Hannoversche Notfallsymposium bietet auch in diesem Jahr wieder zahlreiche interessante Vorträge und Workshops. Schockraumanagement, Telefonreanimation und die Patientenverfügung in ... mehr
am 06.02.2012 12:00
von retter.tvretter.tv Profilbild     
Um diese Funktion zu nutzen,
müssen Sie ein registriertes Mitglied von retter.tv sein.

Sie wollen aktiv an retter.tv teilnehmen, dann melden
Sie sich jetzt kostenlos an.

weiter zur Anmeldung