Brandbeschleuniger Wärmedämmung?

Der neuerliche Brand in einem französischen Hochhaus, hat alte Erinnerungen wieder heraufbeschworen, und zugleich verwundert es kaum, in Deutschland hat sich bis heute in der Frage geht Baurecht vor Brandschutz nicht viel getan.



Im April 2005 kam es in Berlin Pankow-Heinersdorf zu einem ungewöhnlich starken Brand, bei dem es zwei Todesopfer zu beklagen gab. Die Zeitungen berichteten von einer wahren Flammenhölle, Bildmaterial konnte das nur bestätigen und unterstreichen.

Was war passiert?

Ein Wohnungsbrand, soweit nichts ungewöhnliches, starke Erhitzung, geborstene Fensterscheiben und Feuerüberschlag am Fenstersturz, eine Situation die Feuerwehren immer wieder im Einsatzalltag erleben, doch was dann geschah, stellte selbst erfahrene Feuerwehrleute vor neue Probleme, und auch der damalige Landesbranddirektor Broemme gab zu, die Feuerwehrmänner und Frauen hatten größte Mühen die Lage in den Griff zu bekommen.

Gebrannt hat eine Polystyrol -gedämmte WDV-Fassade. Bei solchen WDVS handelt es sich um geprüfte und zugelassene Systeme, das heißt sie verfügen über eine Prüfung und eine Einordnung nach DIN 4102 als Klasse B1 (schwer entflammbar) zudem eine bauaufsichtliche Erlaubnis vom DIBt.

Sicherheit wird in unserem Land stets hervorgehoben. bauaufsichtliche Zulassungen werden erteilt, um gemäß dem Bauproduktengesetz nur Bauprodukte zur Verwendung zu bringen, die keine Gefahren für Leib und Leben herbeiführen und die zudem nicht die Bausubstanz beeinträchtigen. Brandschutztechnische Belange sind zudem in der deutschen Bauordnung geregelt.

Nahezu vor genau einem Jahr am 11. Juni 2011;

Großbrand in Delmenhorst: 25 Wohnungen völlig zerstört” berichtete die NWZ am 11.06.2011. Berichtet wird, dass in Delmenhorst in der Nacht von Freitag auf Sonnabend an der Bremer Straße mehrere Mehrfamilienhäuser in Brand geraten seien. Das Feuer sei vermutlich an zwei Müllcontainer ausgebrochen, die zwischen den Häusern liegen und die Flammen hätten rasch auf die umliegenden 5 Mehrfamilienhäuser übergegriffen.

Aufgrund der WDV Fassade griff das Feuer schnell nach oben auf den Dachstuhl über und zerstörte diese an fünf Mehrfamilienhäusern. Die Fugen der Dämmplatten sowie die Reste der Klebepunktstellen sind nicht zu übersehen.

Das ist der Unterschied zwischen genormter Theorie und gebrannter Praxis bei WDVS.

Verbaut wird neben Polystyrol zusätzlich Mineralwolle als Brandriegel, und das ist gesetzlich bei allen Häusern über 7 Meter Gebäudehöhe vorgeschrieben, und hier liegt der Fehler bereits im Detail, denn es gibt bereits zwei verschiedene Varianten.

Die erste sieht vor, dass ein Brandriegel aus Mineralwolle über jeden Fenstersturz einzubauen ist, dies scheint jedoch sehr Aufwendig zu sein, daher besteht gleichermaßen die Baurechtliche Genehmigung, nur jedes zweite Stockwerk mit einem solchen Brandriegel zu versehen, dieser muss dann jedoch vollständig am Gebäude herumgeführt werden.

Bricht jedoch ein Feuer in einem, der Zwischengeschosse aus, und fehlt hier der Fensterbezogene Brandriegel, führt dies zwangsläufig zu einem Vollbrand der WDVS Fassade, bis hin zur verflüssigten Brandabtropfung und starker schwarze Verrauchung. Es gibt aber noch eine viel bedeutsame Baurechtliche Ausnahmeregelung, Brandsperren sind erst ab einer Stärke von 10 cm Dämmmaterial Polystyrol vorgeschrieben, die Folgen hier kann sich jeder erfahrene Feuerwehrmann, jede Feuerwehrfrau selbst ausmalen.

In einem Brandversuch an der Technischen Universität Braunschweig wurde das Brandverhalten einer gesetzlich zulässig verarbeiteten WDVS Fassade (16 cm starkes Polystyrol, vorschriftsmäßig geschützt, Armierung, Putz und Anstrich) durch einen künstlich erzeugten Feuerüberschlag erforscht. Das Ergebnis verwundert nicht, es sollte eine Befeuerung von 20 Minuten erfolgen. (Fenstersturz mit drüberlegender WDVS Fassade) Brände entstehen zumeist in einzelnen Räumen, ist die Hitze zu stark, platzen infolge starker Hitze die Fensterscheiben und die Flammen schlagen nach Außen auf die Fassade. Um nun die Frage zu klären, was nun bei einem Feuer in einem der Zwischengeschosse passiert, wurde bei diesem Brandversuch bewusst auf die Brandsperre verzichtet.

Bereits nach 3 Minuten fallen verflüssigte Dämmmaterialien brennend herab.

Brennendes Abtropfen?

Genau das sollen die Brandhemmer in der Dämmung eigentlich verhindern.

Nach 5 Minuten wurde selbst die anwesende Berufsfeuerwehr Braunschweig leicht unruhig.

Der Brand greift nun vollständig auf die Fassade über.

Der Brenner war längst abgestellt, als dass die Fassade bereits im Vollbrand steht, die Halleninterne Rauchabzuganlage wird mit der stärksten Stufe eingeschaltet.

Nach 8 Minuten ist der Vollbrand nicht mehr aufzuhalten, ein Brandausbruch bis hinauf zum Dachstuhl ist nicht mehr auszuschließen.

Diese Brandsimulation wurde mit einem 16 cm starken Dämmmaterial durchgeführt, wie gesagt, bis 10 cm Stärke bedarf es keinerlei Brandriegel. Die Klasse B1 „schwer entflammbar“ Einordnung nach DIN 4102. Dennoch schwer entflammbar heißt nicht, nicht brennbar.

Im Ernstfall hätten wir bei der massiven Ausbauweise der Energiespar-Dämmung in Deutschen Innenstädten mit dicht an dicht gebauten Mehrfamilien und Hochhäusern im Brandfall ein unglaubliches Inferno zu erwarten.

Die Einsatzkräfte müssten sich dann nicht nur um den eigentlichen Brandherd kümmern, sondern zugleich auch um den Fassadenbrand, der sich schnell nach Oben, Unten, Links und Rechts ausbreitet. Nicht zu vergessen, die übermäßig starke und gesundheitsschädliche Verrauchung , die sich ohnehin stärker entwickelt als bei einem (gewöhnlichen) Wohnungs-/Zimmerbrand. und zu einem wesentlich stärkeren Verrauchen des Gebäudeinneren führt, hat sofortige lebensbedrohliche Einsatzlagen zur Folge.

Lebensgefahr infolge eines Fassadenbrandes für die Bewohner zieht eine sofortige Umfassende Menschenrettung nach sich, es wird von Anbeginn an ausreichenden Einsatzkräften fehlen, es werden Bereitstellungsräume fehlen, und es müssen Betreuungs- und Sammelstellen durch die Hilfsorganisationen eingerichtet werden. Greifen die Flammen dann noch auf benachbarte Gebäude über, wird es schwer im geeigneten Maße bei enger Innenstadt-Bebauung weitere Drehleitern in Stellung zu bringen.

Eine Einsatzsituation mit der sich jede damit konfrontiert sehende Einsatzkraft auseinandersetzen sollte.

Bei dem Brandversuch stellte sich nach dem Ablöschen des simulierten Fassadenbrandes heraus, dass die gesamte Versuchshalle massiv mit schwarzen Russpartikeln und Teilchen überseht war, deutlicher konnte die im Falle eines solchen Brandes entstehende Gesundheitsgefahr nicht an den Tag gebracht werden.

Im Falles des verheerenden Brandes in Berlin Pankow-Heinersdorf, stellten die Bewohner Strafanzeige wegen Baugefährdung nach § 319 StGB betr. Styropor Fassade, das Verfahren wurde durch die Staatsanwaltschaft mit der Begründung eingestellt:

Die Bauweise der Fassade sei möglicherweise Brandfördernd gewesen, jedoch nicht vorschriftsfähig im strafrechtlichen Sinne.

Ein kleiner Lichtblick, der jedoch nicht über den Tod von Bewohner hinweg täuschen soll, bleibt, dass betreffende Haus wurde durch die Eigentümerin mit einer sogenannten Fassaden-Berieselungsanlage (im Sinne einer Sprinkleranlage) versehen, dies zwar nicht automatisch, aber wenigstens mit einer allzeit zugänglichen Trockeneinspeisungsleitung.

Weitere Information, stellt ein Video eines Brandes aus Frankreich, eines Entstehungsbrandes mit anschließenden Fassadenbrand dar, Das Fazit: 1Tote und 8 verletzte Person(en).

Video, Quelle YouTube.de zeigt den verheerenden Brand in Delmenhorst.

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