Extreme, polizeiliche Lagen und der Rettungsdienst mittendrin

Die Fortbildung „Der Rettungsdienst in außergewöhnlichen polizeilichen Lagen“ war eines der Highlights am heutigen Donnerstag auf der RETTmobil 2013, von Schussverletzungen, über das Verhalten des Rettungsdienstpersonals im besagten Einsatzfall zu einem Erfahrungsbericht über den Amoklauf in Memmingen wurden den Teilnehmern einige interessante Einblicke geboten.

Polizeiliche Einsatzlagen für den RD

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Unter dem Vorsitz von Daniel Kalff vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe wurde den Besuchern der RETTmobil in Fulda heute eine Fortbildung zum Thema „Der Rettungsdienst in außergewöhnlichen polizeilichen Lagen“ angeboten, die auch regen Anklang gefunden hat. Knapp 50 Teilnehmer fanden sich um zehn Uhr vormittags in der Feuerwache der Feuerwehr Fulda ein und waren gespannt auf dieses extreme Thema, das leider an Aktualität gewinnt.

 

Situationen in denen gezielt auf Rettungskräfte los gegangen wird

 

In einer kurzen Einführung erläuterte Kalff worum es ihm gehe, wenn er von außergewöhnlichen Einsatzlagen spricht und wo die Vorträge hinführen sollen. Generell ging es um „Situationen in denen gezielt auf  Rettungskräfte los gegangen wird“. Das größte Problem verortete er auch sogleich in der fehlenden Gesamteinsatzleitung zwischen den meist ersteintreffenden Rettungsdienstkräften und der Polizei, wo oft zu wenig Informationsaustausch herrscht. Dem soll aber künftig Abhilfe geschaffen werden, indem vermehrt Übungen mit Polizei und Rettungsdienst angestoßen werden sollen. Die Gefahrenlagen sind klar, Brandanschläge, Waffenbedrohung, Sprengstoffattentate, die wie zuletzt in Boston ganz neue Dimensionen annehmen und natürlich Amoklagen, die auch in Deutschland „immer mehr werden“, so Kalff. Dazu kommt die Angst der Einsatzkräfte selbst, um ihr eigenes Leben, wenn „da einer Krieg machen will“. Und überdies kommt es natürlich auch zu ungewohnten Verletzungsmustern. Bilder von mehreren Muttern im Thorax, oder ein abgerissenes Ohr verdeutlichten diesen Sachstand schnell.

 

Verhaltensvorschläge für den Rettungsdienstmitarbeiter vor Ort

 

Auch ein paar Verhaltensvorschläge gab er, wenn auch vereinfachte, denn für jede spezielle Situation gibt es keine Schablonenlösungen. Bei der Meldung eines Sprengstoffanschlages sei es zum Beispiel absolutes No-Go ein Handy zu benutzen, da dies auch zur Funkauslösung dienen kann. Zudem stellt ein Einsatzfahrzeug keinen Schutz vor Schusswaffen dar, schon gar nicht, wenn im RTW ja eine Batterie Sauerstoffflaschen vorhanden ist. Nur gemauerte Wände, böten hier den richtigen Schutz.

 

Schussverletzungen, Munitionsarten und Wirkungsarten

 

Danach referierte Arne Jansch von der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften über Schussverletzungen, Munitionsarten und deren Wirkungsarten. Er bot einen äußerst interessanten Überblick über die Unterschiede zwischen Vollmantelmunition und Deformationsgeschossen, oder auch zwischen Lang- und Kurzwaffen. Besonders tückisch ist hier, dass gerade bei Deformationsgeschossen die Einschusswunde sehr klein ist und oberflächlich auch nicht viel Schaden anrichtet, da sie Gewebeteile mit nach innen nimmt, die die Wunde nach außen hin wieder verschließen. Im Körperinneren aber entsteht ein gewaltiger Wundkanal, der für gewaltige Schäden sorgt. Gerade das müsse die Einsatzkraft auch im Hinterkopf haben, um Schussverletzungen auch als solche zu erkennen, bzw. diese nicht zu unterschätzen. „Wichtig ist für den Rettungsdienst was dazwischen ist“, so Jansch, die Ein- und Austrittswunden sind nicht das Problem. Besonders viel Schaden richten hier auch vor allem Schrotkugeln an, da jede einzelne Kugel einen eigenen Wundkanal verursacht.

 

Ballistische Schutzwesten interessant für RD

 

Auch auf ballistische Schutzwesten wurde kurz eingegangen, ob dies für den Rettungsdienst sinnvoll ist, oder nicht, wurde allerdings nicht beantwortet. Jansch stellte aber auch klar, „es gibt keine schusssichere Weste“, lediglich schusshemmende. Empfehlenswert sei daher am ehesten die Schutzklasse 1, die auch die Streifenpolizei mitführt.

 

Erfahrungsbericht Memmingen 2012

 

Abschließend gab der Einsatzleiter des Amoklaufs an einer Memminger Mittelschule 2012 einen Einblick in das damalige Geschehen, was besonders gut funktioniert hat und was nicht. Bruno Ollech von den Maltesern, war als ELRD glücklicherweise sogar als erstes Einsatzfahrzeug vor Ort, wodurch der Einsatz von Anfang an gut koordiniert wurde. Der Täter, ein damals 15-jähriger, hatte aus einem reich mit Waffen bestückten Haushalt drei Handwaffen und 250 Schuss Munition mit in die Schule gebracht. Nach der Einrichtung eines Betreuungsplatzes und der gesamten Evakuierung der Schule war der Täter flüchtig, mit unbekanntem Ziel. Besonders positiv hob Ollech die enge Zusammenarbeit mit der Polizeiführung hervor, die aber auch nur dadurch entstand, weil man „sich persönlich kannte“, das schuf Vertrauen, dass auch vom RD nichts an die Presse gelangt. Der Täter konnte später auf einem Sportplatz vom SEK gestellt werden, auch hier war rechtzeitig ein Betreuungsplatz in sicherer Entfernung eingerichtet worden. Als Fazit betonte er, dass glücklicherweise die Schule bereits einen Amok-Plan hatte, der bereits geübt worden war und dass die besonders positive Information der Eltern durch die Polizei für viel Ruhe gesorgt hatte. Zum Schluss stimmte er noch etwas nachdenklich, denn auch wenn alles glatt ging, im ersten Moment denkt man gar nicht, dass man auch „im ländlichen Bereich vor so etwas nicht gefeit ist.“

 

Die größte Herausforderung stellt die engere Zusammenarbeit der Führungsstrukturen dar

 

Abschließend lässt sich sagen, dass diese ungewohnten Einsatzlagen für den Rettungsdienst leider nicht mehr selten sind, was eine engere Verzahnung von RD-Einsatzleitung und der Einsatzleitung der Polizei nötig macht. Wo richte ich einen Schutzraum ein? Wie weit fahre ich an? Was passiert eigentlich gerade? All das muss in vermehrten Übungen mit der Polizei einstudiert werden, denn auch wenn solche Einsätze immer speziell sein werden, die Verzahnung von Rettungsdienst und Feuerwehr funktioniert ja gerade durch diese Übungen heute besonders gut.

 

Weitere Bilder finden Sie in unserer Bildergalerie.

 

Bild- und Textquelle: retter.tv    

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