Offener Brief an alle: Der Patient ist tot.

Deutschland | am 14.08.2014 - 14:06 Uhr | Aufrufe: 83899

Ein Brief an alle.

Die Löhne werden gedrückt, die Kompetenzen werden angehoben. Die Verantwortung steigt, das Ansehen fällt. Die Belastung nimmt zu, die eigene Gesundheit wird zweitrangig. Fehler werden nicht mehr intern diskutiert, sondern ans Licht gezerrt, öffentlich bloßgestellt. Das öffentliche Schiedsgericht jedoch ist grausam, unnachgiebig. Es giert nach mehr und will doch keine Informationen.

Was zu jedem Berufsbild passen könnte, soll hier für den Rettungsdienst sprechen. Für Menschen, die bei Wind und Wetter an ihre Grenzen gehen, um denen zu helfen, die scheinbar keinen Rettungsdienst brauchen, nicht kennen wollen. Die nur von Anderen Rücksicht erwarten, niemals von sich selbst. Deren Weg immer frei zu sein hat, egal wer mit welchen Signalen unterwegs ist. Deren Interesse an oberster Stelle steht, aber niemals zu tief gehen will, denn Verständnis darf nicht erreicht werden. Verständnis und Einsicht würden der Gier zuwiderlaufen, der Gier nach Bildern, nach Emotionen, nach Eindrücken, nach Selbstprofilierung durch das Erlebte.

Der im Rettungsdienst Beschäftigte hingegen? Menschen, die Verantwortung tragen, Menschen, die tagtäglich alles sehen, was andere scheinbar gerne sehen würden. Menschen, die Dinge sehen, die niemand sehen will, über die aber jeder redet. Menschen, die Dinge tun müssen, die niemand tun will, von denen noch nicht mal jemand reden möchte.

Eine Branche, die keine Wertschöpfung betreibt, die nur den Laden am Laufen hält. Die Wunden verbindet, Brüche schient, Schleim absaugt, Erbrochenes wegwischt. Entscheidungen treffen muss, die der Beobachtende, nach Emotionen gierende nicht treffen will. Deren Aufgabenspektrum erweitert wird, während die Frage nach Entlohnung gerechtfertigt werden muss. Rettung für umsonst, das muss das Ziel sein, keine Wertschöpfung, kein Ertrag. Kein Ertrag, kein Geld. Mehrwert gibt es nur in barer Münze, Gesundheit kostet, kostet zu viel, viel zu viel und ist zugleich nicht greifbar, nicht messbar in der entscheidenden Kategorie.

Das System stottert, aber es läuft. Auch durch die Freiwilligen, ohne diese würde es kollabieren. Keiner würde dem System helfen können, der Patient ist tot. Noch nicht, doch bald. Der Rettungsdienst kommt, Mensch in Not, der Rettungsdienst kommt zu spät, er hat keinen Platz auf der Straße, die gehört anderen, wichtigeren. Der Rettungsdienst ist da, zu spät, er wird bespuckt, er wird beleidigt, er gehört auch hier nicht hin. Er wird bedroht, er wird verletzt.

Wird er geschützt? Nein. Er soll sparen, soll mehr leisten, soll weniger verdienen. Soll ein Image halten, soll Menschen retten, Menschen, die scheinbar nicht gerettet werden wollen, die spucken, beleidigen, verletzen. Menschen, die Vorfahrt haben, die Schauen wollen, die alles wissen.

Ein Kind will Feuerwehrmann werden, will Menschen helfen, will Menschen retten. Ein Erwachsener will Geld sparen, will Leid sehen, keine Verantwortung. Nicht mehr lange, der Sinus-Rhythmus stockt, der Schrittmacher springt ein, doch die Gefäße sind alt, sind überstrapaziert, lange gebraucht, selten gepflegt. Nicht mehr lange und der Kreislauf kollabiert. Der Patient ist tot.

Bild: retter.tv Symbolbild, Frank C. Müller (commons.wikimedia.org)

 

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