"Wenn der Tod plötzlich kommt" - Ein Interview mit dem Buchautoren, Rettungsassistenten und Seelsorger Andreas Müller-Cyran

München | am 28.10.2013 - 12:27 Uhr | Aufrufe: 2077

Der Verlust von Angehörigen und andere schlimme Schicksalsschläge können jeden Bürger treffen. Doch mit dem Geschehenen umzugehen ist für die meisten Menschen eine große Herausforderung. Deshalb stehen den Betroffenen Kriseninterventionsteams und Seelsorger bei. Andreas Müller-Cyran, seines Zeichens Rettungsassistent und katholischer Seelsorger, hat am 21. Oktober 2013 zusammen mit seinem Kollegen Peter Zehentner ein Buch darüber veröffentlicht.

In einem Interview stand uns Andreas Müller-Cyran Rede und Antwort zu seinem neuen Buch „Wenn der Tod plötzlich kommt. Vom Umgang mit Schicksalsschlägen - Das Kriseninterventionsteam im Einsatz“.

Sie sind KIT-Mitarbeiter der ersten Stunde. Wie war das vor fast 20 Jahren, als die Krisenintervention und Notfallseelsorge gegründet wurde?

Also, um ehrlich zu sein: im Kreis der Kollegen aus dem Rettungsdienst mussten wir in den ersten Jahren viel Überzeugungsarbeit leisten. Wir in München sind ja ein KIT, in dem ausschließlich Rettungssanitäter und Rettungsassistenten Dienst tun. Mich hat damals erstaunt, dass die Frage kam, ob denn RS und RA Betreuung können. Wenn ich heute Bilanz ziehe kann ich klar sagen: ja, Einsatzpersonal aus dem Rettungsdienst kann sehr gut betreuen – wenn sie dafür ausgebildet sind, und vor allem: wenn sie es sich selbst zutrauen, wenn sie erkennen, dass die psychosoziale Dimension ein wesentlicher Aspekt der Arbeit im Rettungsdienst ist.

Warum tun Sie sich diese belastenden Einsätze an?

Ja, psychosoziale Einsätze sind mitunter belastend. Man kommt den Menschen näher als in der notfallmedizinischen Versorgung. Aber: ich, und ich glaube, ich darf da für die Kollegen mit reden, wir im KIT machen die Erfahrung, das Betreuung zutiefst Sinn macht. Als Reanimator und Vitalfunktionsmechaniker bin ich ersetzbar. In der Betreuung entsteht ein persönlicher Kontakt. Das macht Sinn und ist Geschenk!

Wie wird jemand eine psychisch so belastbare Persönlichkeit, dass er diese Einsätze gut verkraftet?

Dazu muss er kein Zauberer sein: aus vielen Studien bei Einsatzkräften wissen wir, dass die Belastung im Einsatz umso höher ist, umso schlechter ich ausgebildet bin, umso weniger ich mich auskenne. Ohne Ausbildung kann man keine psychosozial betreuen: man schadet dem Anderen, und man schadet sich selbst. Und wer gut ausgebildet ist, weiß um die empfindliche Balance zwischen Nähe und Distanz zum Betroffenen. Wenn die aus dem Gleichgewicht gerät, bin ich stärker belastet. Auch hier gilt wieder: wer schlechter ausgebildet ist, arbeitet in der Betreuung distanzloser, er fühlt sich allein zuständig, übernimmt ein Maß an Verantwortung, dass dem Betroffenen und ihm nicht gut tut.

Ach übrigens, keiner im KIT ist seelische unverletzbar. Ich weiß, dass ich vielleicht morgen in den Einsatz gehe, der mein letzter sein wird, weil ich seelisch angeschlagen da raus komme.

Was geht Ihnen als erstes durch den Kopf, wenn Ihr Notfallpiepser losgeht?

Wie jedem Kollegen geht mir die Frage durch den Kopf, was für ein Einsatz auf mich zu kommt. Darin unterscheide ich mich nicht von allen anderen Kollegen im Rettungsdienst, die eben ein anderes Rettungsmittel besetzen. Und natürlich gibt es auch in der psychosozialen Akutbetreuung Situationen, die eher Routine sind, und andere Einsatzstichwörter, die deutlich fordernder sind. Ich bin meistens allein unterwegs: finde ich die Einsatzstelle? Auf welche Kollegen stoße ich dort? Es geht da nicht nur um die Kollegen vom Rettungsdienst, sondern auch um die Kollegen der Kriminalpolizei, mit denen wir die längste Zeit an der Einsatzstelle zusammen sind. Und vor allem: komme ich gut in Kontakt zu den Betroffenen?

Mit welcher Haltung betreuen Sie jene Menschen, die sich in einer Extremsituation befinden? Wie gehen Sie mit Emotionen um, die aus ihnen herausbrechen?

Über die 20 Jahre, die ich diese Arbeit mache, hat sich meine Haltung ganz klar entwickelt: ich betreue Menschen immer nur so kurz wie möglich, und nur so lange wie nötig. Ich möchte mich selbst überflüssig machen in der Betreuung, denn ich weiß: die Kräfte, die ein Mensch braucht, um mit dieser Situation zurecht zu kommen, die können nur in ihm selbst liegen. Ich kann ihn vielleicht dabei unterstützen, die Kräfte zu mobilisieren. Auch wenn der Betroffene in einer Extremsituation ist: ich habe allen Respekt vor seiner eigenen Entscheidungs- und Gestaltungsfähigkeit. Ich darf ihn niemals an die Hand nehmen und dorthin führen, wohin ich meine, er müsste gehen. Ich begleite ihn vielmehr auf seinem, individuellen Weg.

Starke Gefühle, die gezeigt werden, haben ja die Tendenz, sich auf andere Menschen in der Umgebung zu übertragen. Ich kenne diese Übertragung seit vielen Jahren. Und wenn man darum weiß, dann kann man sich etwas schützen. Denn ich brauche ja selbst den Halt, den ich anderen geben möchte. Aber manchmal passiert es, dass auch ich einen Kloß im Hals habe, dass mich die Emotionen der Betroffenen erreichen. Das ist meistens nur kurz, und ich glaube, dass das ok ist. Ich kann ja selbst nicht immer völlig unberührt und berührbar sein!

Wie viele und welche Einsatzsituationen kommen vor?

Wir haben in Stadt und Landkreis München durchschnittlich knapp 3 Einsätze in vier Stunden. Wir sind überall dort tätig, wo Menschen mit dem plötzlichen Tod konfrontiert werden – und selbst keine Ressourcen haben, also allein sind. Hin und wieder werden wir auch tätig, wo Menschen psychisch traumatisiert werden, ohne dass Tod eine unmittelbare Rolle spielt. Zum Beispiel bei Gewalterfahrungen, also z. B. bei Überfällen oder sexuellen Traumatisierungen.

Ihr Buch erschien am 21. Oktober 201. Welche Zielgruppe sprechen Sie an?

Die Zielgruppe sind alle Menschen, die entweder sich über die psychischen Auswirkungen der Konfrontation mit dem plötzlichen Tod kundig machen wollen. Darüber hinaus können sie lesen, wie in der psychosozialen Akutbetreuung gearbeitet wird. Wir wollen damit keine Ausbildung ersetzen, aber doch transparent machen, wie wir arbeiten. Von daher ist das Buch vielleicht auch für Kollegen im Rettungsdienst und überhaupt in der Gefahrenabwehr interessant, die einen etwas genaueren Einblick haben möchten in Krisenintervention und Notfallseelsorge.

Welche Schwerpunkte setzt das Buch?

Wir erzählen reale Einsatzabläufe – so, wie sie geschehen sind. Wir wollten aber bewußt kein Fachbuch schreiben, sondern Geschichte erzählen. Das darf auch gerne mal – bei aller Tragik – unterhaltsam sein.

Wie stellen Sie den Praxisbezug her?

Wir kommen selbst aus der Praxis und schreiben für die Praxis…

Was unterscheidet dieses Buch von anderen Büchern zum Thema Krisenintervention und Notfallseelsorge?

Wir haben bewußt kein Lehrbuch geschrieben. Sondern uns geht es in erster Linie darum, zu vermitteln, dass der plötzliche Tod eine Realität in unserer Gesellschaft ist. Etwa jeder siebte Mensch stirbt bei uns plötzlich und in dieser Weise unerwartet. Das löst immer einen riesigen Schrecken aus: das wird wohl auch so bleiben, aber trotzdem kann man mit diesem Schrecken überleben – und mit der Erinnerung daran auch später wieder gut leben. Das ist was wir wollen, in unserem Buch und in unserer Arbeit: gut Leben können – und das Schreckliche dabei nicht ausblenden und vor lauter Angst verleugnen, sondern mit und trotz allen Schreckens gut leben können.

Wir bedanken uns bei Herrn Müller-Cyran für das spannende Interview!

Hier gibt's das Buch zu kaufen:

Wenn der Tod plötzlich kommt: Vom Umgang mit Schicksalsschlägen - Das Kriseninterventionsteam im Einsatz

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