Emnid-Studie zum ehrenamtlichen Engagement: Gleichgültige Generation 60+ ?

Münster | am 29.10.2011 - 09:00 Uhr | Aufrufe: 1428

Zum großen DRK-Zukunftskongress „Engagement heute. Die neue Bürgergesellschaft“ hat das Deutsche Rote Kreuz in einer Emnid-Studie nachgefragt: Wie viele und welche Menschen sind – über die bereits Engagierten hinaus – offen für ein ehrenamtliches Engagement? Und was könnte sie dazu motivieren? Befragt wurden 1005 repräsentativ ausgewählte Personen ab 14 Jahren.

Zukunftskongress-Anmeldung-sb-3.pngDie „Aktiven“ („ich übe außerhalb von Beruf und Familie ein Ehrenamt aus, das heißt ich übernehme regelmäßig freiwillige Aufgaben – unbezahlt oder gegen geringe Aufwandsentschädigung“):

• 24 Prozent, also rund 17 Millionen Bundesbürger üben derzeit ein Ehrenamt aus

• Es gibt ein leichtes West-Ost-Gefälle im Engagement: In den westdeutschen Ländern sind 25 Prozent, in den ostdeutschen 22 Prozent engagiert

• Den Spitzenplatz bei den Bundesländern nimmt Baden-Württemberg ein: Hier sind 37 Prozent der Menschen regelmäßig tätig. Schlusslicht ist das Land Berlin: Hier sind es nur 9 Prozent.

• Mehr Männer sind ehrenamtlich aktiv: 27 Prozent der Aktiven sind männlich, 21 Prozent weiblich.

• Aktivste Altersgruppe sind die 50 bis 59-Jährigen. Von ihnen ist mehr als jeder Dritte ehrenamtlich aktiv (35 Prozent).

• Eine gute Bildung geht oft einher mit der Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement: 34 Prozent der Befragten mit Abitur und Universitätsanschluss sind regelmäßig freiwillig tätig, von den Befragten mit Volksschulabschluss ohne Lehre sind es nur 9 Prozent.

• Berufstätigkeit wirkt sich günstig auf das Engagement aus: 26 Prozent der Aktiven sind berufstätig. 23 Prozent sind derzeit nicht erwerbstätig

• Auch eine gute finanzielle Situation begünstigt das ehrenamtliche Engagement: Der größte Anteil der befragten Aktiven (35 Prozent) hat ein Haushaltseinkommen von mehr als 2.500 Euro netto. Wer selbst um seine Existenz kämpfen muss, ist entsprechend weniger aktiv. Immerhin noch 13 Prozent der Menschen mit einem Haushaltseinkommen von weniger als 1.000 Euro netto engagieren sich für Andere.

• Wer in einer größeren Familie lebt, ist gemeinwesenorientierter und öfter engagiert. Insgesamt 54 Prozent der Aktiven leben in 3- oder 4-Personenhaushalten. Aus 1-Personenhaushalten stammen nur 17 Prozent der Aktiven

• Auf die Frage, was ihnen das Engagement für ihr Leben gibt, antworten die meisten Aktiven: „Sinn“ (94 Prozent). Bei den Menschen mit geringen Bildungsabschlüssen sagen das sogar alle (100 Prozent). „Sinn“ als Motivationsfaktor wird gefolgt von „Gemeinschaftsgefühl“, „interessante Kontakte“ und „Spaß“.

Kurz: Bildung, Wohlstand und Familienbande fördern das ehrenamtliche Engagement. Wem es selbst nicht gut geht, kann auch anderen weniger geben.

Die „Motivierbaren“ („ich bin derzeit nicht ehrenamtlich tätig, kann mir dies aber vorstellen“):

• 24 Prozent, also noch einmal rund 17 Millionen Bundesbürger, sind bereit, für das Gemeinwohl aktiv zu werden - über die bereits Aktiven hinaus

• Auch bei den Motivierbaren gibt es ein West-Ost-Gefälle: Von ihnen leben 25 Prozent in westdeutschen und 21 Prozent in ostdeutschen Ländern.

• Besonders motiviert sind die Frauen: 28 Prozent der „Motivierbaren“ sind weiblich, 21 Prozent männlich.

• Besonders motiviert sind auch die Jüngeren. Von den unter 30-jährigen können sich 36 Prozent ein Engagement vorstellen.

• Erstaunlich gering ist die Motivation bei der Generation 60+. Von allen Befragten sagten nur 18 Prozent, dass sie Interesse an einem Ehrenamt haben.

• Bei den Bildungsabschlüssen und Einkommensverhältnissen zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei den schon Aktiven: Menschen mit Abitur und Universitätsabschluss sind sehr motiviert (33 Prozent), nur noch überboten von den Schülern (35 Prozent). Und viele Menschen mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 2.000 (36 Prozent) bzw. mehr als 2.500 Euro (25 Prozent) sind motiviert.

• Auch die Familiensituation ist vergleichbar mit den schon Aktiven: 28 Prozent derer, die in einem 4-Personenhaushalt leben, können sich ein Engagement vorstellen. Im Vergleich zu 23 Prozent aus 1-Personenhaushalten.

• Die meisten „Motivierbaren“ sagen, dass sie aktiv um Mithilfe gebeten werden wollen (79 Prozent). Aber auch mehr finanzielle Spielräume (61 Prozent) oder Steuererleichterungen (52 Prozent) wären wichtige Argumente für ein Engagement.


Dr. Volkmar Schön, Vizepräsident des Deutschen Roten Kreuzes, sagt zu den Ergebnissen: „Wir lernen aus der Studie, dass der ‚Ehrenamtliche der Zukunft’ eine junge, gut ausgebildete und finanziell gut abgesicherte Frau mit vielen Familienangehörigen ist. Es ist gut zu wissen, dass es dieses Potenzial gibt. Nachdenklich macht uns aber die vergleichsweise geringe Engagement-Bereitschaft der älteren Generation. Die über 60-Jährigen sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe – und sie sind diejenigen, die meist noch Zeit, Kraft und finanzielle Spielräume haben. Wir sehen es daher als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, auch die Älteren für ein sinnstiftendes freiwilliges Engagement zu begeistern.“

Carin Hell, Vizepräsidentin des DRK-Landesverbandes Westfalen-Lippe und regionale Gastgeberin des Kongresses, sagt: „Das Deutsche Rote Kreuz hat einen guten Ruf in unserem Land. Wir sind Anwalt der Hilfebedürftigen, weltweit und bei uns vor der Haustür. Mit relativ konstant 400.000 Ehrenamtlichen sind wir eine der größten Freiwilligenorganisationen. Aber auch wir müssen uns auf neue gesellschaftliche Realitäten einstellen: mehr Hilfebedürftige bei knappen Kassen, mobilere Menschen und geringere Bereitschaft, sich über Jahre hinweg an Gemeinschaften zu binden. Die Studie lehrt uns, dass wir mit konkreten Projekten direkt auf die Menschen zugehen müssen.“

Kurz: Es gibt unter den Bundesbürgern über 14 Jahre das bemerkenswerte Potenzial, die Zahl der ehrenamtlich Engagierten von 17 Millionen auf 34 Millionen zu verdoppeln. Damit wäre fast jeder zweite in Deutschland Lebende ein „Ehrenamtlicher“. Besonders vielversprechend sind dabei junge, gut ausgebildete und finanziell gut gestellte Frauen. Die Motivierbarkeit der Generation 60+ ist hingegen unterdurchschnittlich gering. Das Deutsche Rote Kreuz zieht aus der Studie die Lektion, dass man vor Ort mit konkreten Projekten direkt auf Menschen zugehen muss. An die Politik adressiert das Rote Kreuz den Appell, durch Steuererleichterungen für ehrenamtlich Engagierte eine zusätzliche Motivation und Anerkennung zu schaffen.


Die vollständige Emnid-Studie finden Sie im Anhang als PDF-Datei.

Quelle: DRK

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