Alarm für RTW 1-83-100

Schwäbisch Gmünd | am 18.04.2011 - 10:45 Uhr | Aufrufe: 2989

Rettungsfachpersonal leistet wertvolle Hilfe für die Allgemeinheit. Die eigene Gesundheit kann hierbei jedoch Schaden nehmen.

Alfred BrandnerEine ganz normale Stadt, ein ganz normaler Morgen, bei einem ganz normalen Rettungsdienstanbieter. Es ist 6.55 Uhr, und der Dienst beginnt. Das Personal des Tagdienstes hat von der Nachtschicht, nach diversen, und mehr oder weniger Informativen Übergabemodalitäten den RTW übernommen und beginnt mit der Überprüfung von Fahrzeug und medizinisch – technischer  Ausstattung. Die Einsatzfähigkeit muss festgestellt, bzw. wieder hergestellt werden. Jedes Mitglied der Fahrzeugbesatzung hat hierbei seine Aufgabe zu erfüllen. Hierbei kommt es gelegentlich auch zu kleinen Meinungsverschiedenheiten, weil von der übernehmenden Besatzung Kritik, am anscheinend nicht ordnungsgemäßem Fahrzeug und  Fahrzeugausstattung geübt wird. Natürlich kommt auch privates nicht zu kurz, und manch kleiner Scherz in ironischer Manier, weckt selbst beim größten Morgenmuffel die „Lebensgeister“.

Die Überprüfungsmaßnahmen laufen noch, als der erste Einsatzalarm über Funkmeldeempfänger eingeht: „Alarm für RTW 1-83-100 lautet die Meldung“. Einsatzort ist ein Reinigungsunternehmen, ein Mitarbeiter soll einen Krampfanfall erlitten haben. Mit Sonderrechten geht es bei hohem Verkehrsaufkommen  zum Einsatzort. Bei Eintreffen, wird schnell festgestellt, dass der Patient in einem wachen, und stabilen Allgemeinzustand, nach Krampfanfall bei bekanntem Krampfleiden, in wartender Position, auf einem Stuhl im Ruheraum sitzt. Eine ärztliche Kontrolle ist dennoch erforderlich, und nach der Erstversorgung beginnt der schonende  Transport zur Klinik.

Dort angekommen erfolgt die Patientenübergabe. Danach wird das Einsatzprotokoll erstellt. Bestehende Erkrankungen, Dauermedikation, getroffene Maßnahmen, und die Beschreibung des aktuellen Krankheitsbildes müssen schriftlich fixiert werden. Anschließend wird der RTW gereinigt, aufgerüstet und einsatzklar abgestellt.

Dieser Einsatz ist nun beendet, und während die Kaffeemaschine die ersten Tropfen ablässt, kommt der nächste Alarm: „Landwirtschaftliches Fahrzeug hat sich an einem Steilhang in unwegsamem Gelände Überschlagen, der Fahrer ist unter der Maschine eingeklemmt -Bergwacht, Feuerwehr und Notarzt sind auf der Anfahrt“.

Am Einsatzort, als erstes Fahrzeug angetroffen, stellen wir fest, dass der Fahrer nicht mehr unter dem Fahrzeug liegt. Dieser liegt bei vollem Bewusstsein, fahl- blass, einige Meter daneben, und berichtet auf Befragen darüber, dass er vom umstürzenden Fahrzeuge gefallen- und dann überrollt worden wäre. Eine sorgfältige Untersuchung durch die RTW Besatzung, führt zur Verdachtsdiagnose manifester Schock, bei Verdacht auf Organruptur (Leber, Milz, Blase), Rippenserienfraktur und LWS -Trauma. Da zu diesem Zeitpunkt noch kein Notarzt anwesend ist, fällt die situationsbedingte Entscheidung, (§34, QM ) alle erforderlichen Maßnahmen durch Rettungsfachpersonal eigenverantwortlich zu treffen. Mehrere venöse Zugänge werden benötigt. Es folgt die dringend erforderliche Analgo – Sedierung. Ketamin und Midazolam werden vorsichtig  verabreicht. Die regelrechte Patientenüberwachung erfolgt mittels EKG, Pulsoximetry und Blutdruckkontrolle. Die Anspannung ist nicht zu unterschätzen. Schließlich ist eine solche umfangreiche, und eigenverantwortliche Patientenversorgung nicht alltäglich, sondern eher die Ausnahme. Zwischenzeitlich sind Notarzt und die anderen Kräfte diverser Fachabteilungen eingetroffen, und der Transport zum RTW, unter schwierigen Verhältnissen beginnt. Es folgen die zuvor beschriebenen Abläufe. Fahrzeugreinigung, Aufrüsten und Herstellung der Einsatzbereitschaft. In diesem Fall werden hierzu, selbst unter Mithilfe der in der Wache verweilenden Kollegen über zwei Stunden benötigt.

Die Aufzählung weiterer Einsätze dieser Schicht, würde den gegebenen Rahmen sprengen. Das tägliche Einsatzgeschehen reicht von der Notgeburt, Schlaganfall, Herzinfarkt, Verkehrsunfall bis zum kriminellen Delikt.

Ich denke, dass dem Leser, mit zwei „tatsächlichen“ Einsatzbeschreibungen ein realistischer Einblick in das Einsatzgeschehen vermittelt wird.

Rettungsfachpersonal ist rund um die Uhr im Einsatz, um im Notfall schnelle Hilfe leisten zu können. Die Leistung der Retter, ist oftmals entscheidender Faktor über Leben, Tod oder lebenslanger Behinderung.

In diesem Zusammenhang möchte ich darauf verweisen, dass die Tätigkeit in den Rettungsdiensten die Gesundheit der Beschäftigten erheblich beeinträchtigen kann. Überlange Arbeitszeiten im Schichtbetrieb, die zudem nicht voll vergütet werden (Arbeitsbereitschaft) hinterlassen deutliche Spuren. Es gibt Aussagen von Fachleuten, dass das Unfallrisiko, z.B. in der zwölften Arbeitsstunde erheblich ist, und das nicht nur für den Fahrer. Man denke hierbei insbesondere auch an Kollegen, Patienten und die anderen Verkehrsteilnehmer die durch übermüdete Fahrzeugführer, bei Einsatzfahrten geschädigt werden könnten. In machen Veröffentlichungen wird beschrieben, dass sich die Unfallhäufigkeit bei einer zwölf Stunden – Schicht, gegenüber einer acht Stunden – Schicht verdoppelt. Das Risiko einen Herzinfarkt zu erleiden, soll nach Aussagen der Wissenschaft, bei zwölf -Stunden Diensten sogar sieben Mal höher sein.

Und wenn ich an die kontroversen Diskussionen zum Thema „Regelkompetenz“ denke, sehe ich einen weiteren Faktor, der der physischen  und psychischen Gesundheit der in den Rettungsdiensten tätigen nicht unbedingt dienlich sein könnte. Zugewiesene Kompetenz (maßgeblich erweitertes Tätigkeitsfeld) bedeutet zeitgleich zugewiesene, und wesentlich  erhöhte Verantwortung, und das mit einer Entlohnung, die für viele Rettungsdienstler an den Grenzen zur Sozialhilfe (Harz) liegt.

Und wen man dann noch dieses Einkommen mit dem eines Not – Arztes vergleicht, dann könnten sich schon erste Anzeichen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung bemerkbar machen.

Doch selbst wenn die Arbeitsbedingungen, wie z.B. Entlohnung, Arbeitszeiten, Gesundheitsschutz und andere, nicht die besten sein sollten, so wage ich zu behaupten, dass Notfallpatienten, von Rettungsfachkräften, die beste notfallmedizinische Versorgung bekommen, die von dieser Berufsgruppe geleistet werden kann.

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