Der tägliche Kampf ums Nötigste

Durban/Südafrika | am 18.07.2011 - 10:56 Uhr | Aufrufe: 506

Jessica Wink aus Unterschöneberg hilft seit elf Monaten Kindern in Südafrika. Dort hat sie auch Improvisieren gelernt.

Der tägliche Kampf ums Nötigste„Wir haben keine Einwegwindeln mehr, die Stoffwindeln reichen nur noch bis heute Abend, und vorhin ist die Waschmaschine kaputtgegangen.“ Jessica Wink erzählt das am Telefon völlig unaufgeregt. Acht Babys müssen täglich fünfmal gewickelt werden – macht 40 Windeln am Tag. Was tun ohne Geld für Einwegwindeln und ohne die Möglichkeit, Stoffwindeln zu waschen?

„Irgendetwas wird sich schon ergeben“, meint die 23-Jährige. Notfalls greift sie wieder einmal ihre eigenen Rücklagen an, um die schwierige Situation zu überbrücken. Im Improvisieren hat sie inzwischen Übung.

Viele Kinder werden von ihren Müttern in der Not ausgesetzt

Jessica Wink aus Unterschöneberg arbeitet im Rahmen von „weltwärts“, dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, seit elf Monaten beim Projekt „eSimphiwe“ in Südafrika. Die Organisation betreibt je ein Babyhaus in Richmond, wo rund 35 Kinder untergebracht sind, und in Durban, wo derzeit acht Säuglinge betreut werden. Weitere 22 Kinder leben bei Pflegefamilien. Die wenigsten dieser Kinder sind Waisen. Viele werden von ihren Müttern aus Not abgegeben oder irgendwo ausgesetzt.

„Wenn das Kind rechtzeitig gefunden wird, schenken wir ihm ein Zuhause“, sagt Jessica Wink. Zahlreiche Kinder sind HIV-infiziert oder leiden an anderen Krankheiten. Deshalb verbringen die Helfer oft Tage und Nächte unter schier unvorstellbaren Bedingungen mit den Kleinen in Kliniken.

Zusammen mit Jessica Wink arbeiten drei weitere Freiwillige aus Deutschland bei eSimphiwe, füttern und baden die Kinder, fahren Ältere zur Schule und erledigen Einkäufe – wenn Geld dafür da ist. Immer wieder hat die Unterschönebergerin, die für ihren Auslandseinsatz ihre Anstellung als Arzthelferin in einer Jugendarztpraxis aufgegeben hat, ihr Konto geplündert, auf das Familie, Freunde und Bekannte, aber auch fremde Unterstützer von Zeit zu Zeit Spenden überweisen. Dann kann sie wieder einmal einen Kofferraum voller Grundnahrungsmittel, Windeln und Hygieneartikel oder einen dringend benötigten Wickeltisch kaufen.

Manchmal bekommen die Waisenhäuser Lebensmittel geschenkt, eine Kiste überreifer Bananen etwa. Dann wird Bananenbrot gebacken, Brei zubereitet und auf jede Weise versucht, kein bisschen der kostbaren Nahrungsmittel zu vergeuden, denn oft genug ist das Lager leer, und weder die fest angestellten „Aunties“ noch die Freiwilligen aus Deutschland wissen, wie sie die vielen Kinder satt bekommen sollen. Auch für den Lohn der „Aunties“ fehlt immer wieder das Geld.

Mit dem Einsatz in Afrika einen Traum erfüllt

Für die junge Frau hat sich mit dem Einsatz in Afrika einen Traum erfüllt. Obwohl sie ständig am Limit arbeitet, oft zwölf Stunden lang alleine acht Babys betreuen und mit täglich neuen Problemen fertig werden muss, hat sie ihre Entscheidung nicht bereut: „Die Anfangszeit war sehr schwierig, und ich habe oft gedacht, ich würde dieses Jahr nicht durchstehen“, räumt sie ein. „Aber es war wohl die beste Entscheidung, die ich bisher in meinem Leben getroffen habe!“ Nicht zuletzt hat sie „gelernt, mit schwierigen Situationen klarzukommen, und Dinge, die man nicht ändern kann, einfach hinzunehmen“.

Neben der vielen Arbeit in Richmond und Durban bleibt wenig Freizeit. Doch die nützt Jessica Wink, um Land und Leute kennenzulernen, denn die afrikanische Kultur und die Genügsamkeit der Menschen beeindrucken sie sehr. Ein Reitausflug nach Lesotho, eine Reise nach Kapstadt mit Weißwurstfrühstück, gelegentliche Wochenenden an der Südküste, zwei Besuche aus Deutschland und das Zwischenseminar in Knysna mit anderen Freiwilligen aus „weltwärts“-Projekten der „Internationaler Bund (IB) Volunteers’ Abroad Programs“ haben in den vergangenen Monaten Abwechslung in den anstrengenden Alltag gebracht.

„Was ich wirklich an Lebenserfahrung mitnehme und wie ich mich verändert habe, werde ich wohl erst erfahren, wenn ich zurückkomme und wieder mit Familie und Freunden zusammen bin“, meint Jessica Wink.

Bald ist es so weit: Am 8. August bricht sie in die Heimat auf. Der Abschied stimmt sie schon jetzt wehmütig: „Ich fühle mich sehr wohl hier. Ich liebe die Kinder und die Kultur. Es wird unglaublich schwierig werden, mich von allem hier verabschieden zu müssen.“

Über ihr Leben in Südafrika berichtet Jessica Wink in ihrem Weblog

www.jessica-in-suedafrika.de

Quelle: Augsburger Allgemeine

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