Disco-Fieber:anschaulicher Unterricht zum Thema Drogen am Steuer

Illertissen | am 15.04.2010 - 09:47 Uhr | Aufrufe: 584

„Warum legen Sie den Toten so achtlos beiseite und decken ihn einfach ab?“ oder auch „Schade um das zerschnittene Auto, die Leute hätten Sie doch ebenso durch die Seitentüre retten können!“ Aufgeregte Fragen und betroffene Gesichter unter den 200 Schülern der zehnten Klassen von Haupt- und Realschule in Illertissen nach dem ungewöhnlich anschaulichen Unterrichtstag über die Folgen von Drogen am Steuer.

Realtiy-Show mit Einsatzkräften
Um jungen Menschen die Gefahren im Straßenverkehr nach Alkohol- und Drogenkonsum eindringlich vor Augen zu führen, hatten sich Vertreter von Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr und Notfallseelsorge zu einer Art „Realitiy-Show“ bereit erklärt.

Aktionstag „Disco-Fieber“
Für den passenden Rahmen sorgten Stefanie Staudenmaier von der Johannes-von-La-Salle-Realschule und Jörg Mayer von der Erhard-Vöhlin-Hauptschule: Bei Disco-Beleuchtung und fetzigem Sound nehmen die Zehntklässler in der Realschul-Aula Platz, der angekündigte Aktionstag unter dem Motto „Disco-Fieber“ beginnt vielversprechend.

Doch bald der Szenenwechsel: „Warum“ ist der Kurzfilm überschrieben, der mit der Sinnlosigkeit des Unfalltods konfrontiert. Antworten versuchen Werner Bräuer und Roland Marz von der Polizeiinspektion Illertissen zu geben. Am Beispiel zweier sogenannter Disco-Unfälle aus jüngster Vergangenheit - einmal prallte das Auto bei Tiefenbach gegen einen Baum, das andere Mal bei Gannertshofen gegen ein Baufahrzeug - zeigen die Beamten, was anders gemacht werden kann: Sich nach der Party etwa abholen lassen oder gleich übernachten.

„Am besten gefallen hat mir ihr Vorschlag, dem fürs Heimfahren bestimmten Chauffeur die nichtalkoholischen Getränke zu spendieren“, bemerkt Corinna Becher aus Illertissen. Die Siebzehnjährige hat ihren Führerschein bereits absolviert und bekennt freimütig: „Wenn nötig, lasse ich mich von Mama abholen. Nie würde ich mich mit Alkohol ans Steuer setzen oder bei so jemandem mitfahren.“

Unfall-Szenen, die Jugendliche berühren
In Max Rechtsteiner aus Weihungszell reißen die Zeitungsartikel alte Wunden auf, da bei dem Unfall in Tiefenbach ein Verwandter beteiligt war: „Die Verarbeitungszeit war kurz, eher ein Zur-Seite-Schieben. Nach zwei Tagen kam damals die Beerdigung.“ Der Sechzehnjährige weiß, dass solche Szenen auch andere Jugendliche berühren. „Man kennt sich ja untereinander.“

„Pro drei Minuten steigt die Sterblichkeitsrate um ein Prozent“, informieren Markus Niehaus vom Rettungsdienst und Philipp Staudenmaier vom Roten Kreuz. Daher müssten beim Notruf die Angaben stimmen und weitere Nachfragen abgewartet werden.

Eingeblendete Szenen mit Titeln wie „Blumen für den Freund“, „Unfallopfer“, „Nicht angeschnallt“ und „Du fehlst“ charakterisieren schlaglichtartig die Welt betroffener Jugendlicher. „Die Filme prägen sich optisch gut ein, viel besser als lange Ermahnungen“, urteilt der sechzehnjährige Christian Mertl aus Senden. Dem Ministranten ist in tiefer Erinnerung geblieben, wie lauter junge Leute ihren, durch einen Unfall bei Holzheim ums Leben gekommenen Freund beerdigten.

Mit Interesse erfahren die Schüler, dass Polizei und Rettungshelfer bei ihren Einsätzen einerseits persönliche Gefühle unterdrücken können, in extremen Situationen aber dennoch Emotionen durchbrechen: Erik Riedel, Kommandant der Feuerwehr Illertissen, erzählt, wie ein Kollege zum Unfall gerufen wurde und den eigenen Sohn tot vorfand.

„Immer dann, wenn jemand mit dem plötzlichen Tod von Angehörigen konfrontiert ist, werden wir Notfallseelsorger geholt“, erklärt Rita Gruber von der Pfarreiengemeinschaft Illertissen. Zuhören, in die Arme nehmen, aus der Erstarrung helfen, ganz verschieden sehe die Hilfe aus.

Ihr Rat ist aber gleich anschließend gefragt, als Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr auf dem Schulparkplatz ihren Einsatz demonstrieren: Warum der Tote abgedeckt und achtlos zur Seite gelegt werde, beschäftigt viele. Grubers freundliche Antwort ist ernüchternd wie einleuchtend: „Der Tote soll nicht im Weg sein oder Passanten erschrecken.“

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