Fachberater Chemie - Vertiefungsseminar an der LFS BW

Bruchsal LFS | am 03.07.2010 - 10:51 Uhr | Aufrufe: 1969

Wahrscheinlich war dieser 3. Juli 2010 nicht nur einer der heißesten Tage in diesem Jahr. Heiß waren auch die Diskussionen beim ersten Vertiefungsseminar für „Fachberater Chemie“ an der Landesfeuerwehrschule Baden-Württemberg.

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Seit Mitte der Achtziger des vorigen Jahrhundert gibt sie, die „Fachberater Chemie“. In der Funktion eines „Fachberaters Chemie“ sind heute Personen mit besonderen Fähigkeiten im Bereich Chemie als Feuerwehrangehörige von Städten, Gemeinden und Werkfeuerwehren tätig. Das sind vor allem Chemiker, Chemieingenieur, Verfahren- und Sicherheitstechniker oder Chemielehrer. Viele von ihnen haben in den letzten Jahren den Lehrgang „Fachberater Chemie“ in Bruchsal besucht. In diesen Lehrgängen wurden neben Kenntnissen über die Organisation und Struktur der Feuerwehr und rechtlichen Grundlagen insbesondere anhand von Fallbeispielen und Planübungen auch die physikalischen Möglichkeiten und Grenzen im Messeinsatz vermittelt.
Im Einsatz stehen sie nicht selten im Spannungsfeld zwischen Verharmlosung (Ahnungslosigkeit) und Überreaktion (Angst). Ihre Aufgabe ist es, den Einsatzleiter in seiner Verantwortung in einer Gefahrensituation mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, ihrem beruflichen Können und oft langjähriger Erfahrung bei der Entscheidungsfindung zu beraten. In den letzten Jahren sind nicht nur Anzahl und Umfang der Einsätze sowie die Einsatzschwerpunkte, sondern auch die Anforderungen an die „Fachberater Chemie“ gestiegen. Leider fehlt es mancherorts noch an einer profilgerechten Einbindung in die Strukturen der Feuerwehr und konkreten und sachgerechte Aufgabenverteilung. Hinzu kommen viele verwaltungs-, versicherungs-, zivil- und ggf. strafrechtliche Fragen, die nicht selten für Verunsicherungen sorgen.
Mit diesem „Vertiefungsseminar“ sollte ihnen jetzt erstmalig eine Möglichkeit des Erfahrungsaustausches und der Weiterbildung seitens des Landesfeuerwehrverbandes und der Landesfeuerwehrschule gegeben werden.
Trotz Hochsommerwetter und Viertelfinalspiels der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM waren der Ankündigung des Seminars 51 Frauen und Männer aus den verschiedensten Städten, Gemeinden und Kreisen gefolgt, die als Fachberater/in tätig sind. Die Erwartungshaltung an diese Veranstaltung war groß, wie sich schon sehr schnell in den verschiedensten Diskussionsbeiträgen zeigte.
Die Bedeutung der Durchführung dieses Vertiefungsseminar unterstrich, der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Baden-Württemberg, Dr. Frank Knödler, nicht nur in seinem Referat, sondern auch durch seine ganztägige Teilnahme.
Bereits in der Begrüßung der Teilnehmer und Referenten machte Thomas Neu, stellvertretender Schulleiter der Landesfeuerwehrschule, deutlich, dass sich die Landesfeuerwehrschule in der Verantwortung für diese „Fachberater“ sieht und deshalb, die Anregung zur Durchführung des Vertiefungsseminars gerne aufgegriffen hat.
In der Einführung sowie in mehreren fachlichen Referaten beschrieb Feuerwehrkamerad und Fachberater, Prof. Dr. Walter Jäger, aus seiner 30-jährigen Tätigkeit die sich ändernden Einsatzschwerpunkte, Erwartungshaltungen und Spannungsfeldern in denen sich „Fachberater Chemie“ oft wiederfinden. Er betonte, dass ein wesentliches Akzeptanzmerkmal für Chemielabore auf der nationalen und internationalen Ebene die Standardisierung, Zertifizierung durch entsprechende Akkreditierer sowie ein ständiges Benchmarking ist. Dazu gehören kontinuierliche Weiterbildungsangebote und der ständige Erfahrungsaustausch sowie ein entsprechenden Qualitätssicherungssystem.
Auf der Tagesordnung standen weitere Fachbeiträge, u.a. zu Einsatzmöglichkeiten der „Analytischen Task Force“ (ATF) der BF Mannheim (Mario König, BF Mannheim), eine ABC-Einsatzkonzeption (Dieter Zwirner, LFS BW)sowie die medizinisch-toxikologische Unterstützung bei Gefahrstoffunfällen (Dr. Richard Spörri, Fürst-Stirum-Klinik Bruchsal).
Einen breiten zeitlichen Raum nahmen jedoch der Erfahrungsaustausch der Anwesenden und die verschiedenen Diskussionsrunden ein. Dabei wurde insbesondere deutlich, wie wichtig die Schaffung einer landesweiten Kommunikations- und Informationsplattform für die Fachberater wäre. Trotz der gewachsenen und gewollten Vielfalt der Feuerwehren in Baden-Württemberg geht es auch bei den „Fachberatern Chemie“ um einen Minimalkonsens in Auswahl. Ausbildung, Ausrüstung und einem einheitliches Auftreten nach außen.
In der fortlaufenden Teilnehmerdiskussion kristallisierten sich verschiedene Bereiche heraus, die von besonderer Bedeutung sind. Dazu gehören Fragen der rechtlichen Stellung sowie der Aufgaben und Befugnisse des Fachberaters, kontinuierlicher Austausch und Weiterbildung, zentrale Erarbeitung von Datenbanken bzw. die Nutzung von vorhandenen Datenbanken z.B. beim Bund, NRW oder TUIS, Empfehlungen für die Ausrüstung und Ausstattung, die Zusammenarbeit von Fachberatern und Gefahrstoffzügen sowie Lehrunterlagenerstellung mit entsprechenden methodisch didaktischen Aufarbeitungen für die Ausbildung in den Wehren.
Verbunden mit diesen inhaltlichen Fragen wurden auch erste Forderungen nach der Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen durch die politischen, behördlichen und verbandlichen Verantwortungsträger lauter. Für Letztere sicherte Präsident Dr. Knödler zu, sich auf allen Ebenen für die Belange der „Fachberater Chemie“ intensiv einzusetzen.
Nach der Mittagspause standen wieder fachliche Themen im Mittelpunkt. Wolfgang Bitzer (Eurofins, Tübingen) referierte zu Aufgaben und Anforderungen, die an der kalten Brandstelle auf den „Fachberater Chemie“ zukommen können. In der anschließenden Diskussion wurden Fragen rechtlicher Regelungen und von Befugnissen sowie die damit oft verbundenen Unsicherheiten erneut ausgiebig diskutiert. Leider war die Zeit zu knapp, alle angedachten Referate an diesem Tag zu hören. Auf der anderen Seite war die Möglichkeit er Nutzung dieses Seminars für den Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmern ebenfalls sehr wichtig.
Im Abschlussgespräch wurden die Ergebnisse des Erfahrungsaustausches und der Diskussionen strukturiert und festgehalten, um u.a. für eine Vorlage des Landesfeuerwehrverbandes genutzt zu werden.
Doch es wurde nicht nur geredet. Erste konkrete Schritte zur Umsetzung der Ergebnisse dieses Seminars sind die Schaffung einer funktionierenden Kommunikationsplattform sowie die Verabredung von Veranstaltern und Teilnehmer im nächsten Jahr eine Folgeveranstaltung durchzuführen. Dazu wurden bereits erste inhaltliche und organisatorische Vorschläge durch die Teilnehmer gemacht.
In den abschließenden Statements von Prof. Jäger, dem Präsidenten des Landesfeuerwehrverbandes Dr. Knödler sowie von Thomas Neu seitens der LFS wurde nochmals die Bedeutung dieses Vertiefungsseminars und der angedachten Verbesserungen hervorgehoben. In diesem Zusammenhang wurde auch eine mögliche bundesweite Vorreiterrolle von Baden-Württemberg betont.
Viele Teilnehmer bedankten sich nicht nur öffentlich in der Abschlussrunde für dieses Forum, sondern nutzten auch die Gelegenheit nach dem Seminar ihren persönlichen Dank an die LFS und an Prof. Jäger auszudrücken. Einige verbanden diesen Dank mit der Bereitschaft, auch Aufgaben bei der Schaffung eines Netzwerkes zu übernehmen.

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