Notwehr im Einsatz

Schwäbisch Gmünd | am 09.03.2011 - 09:35 Uhr | Aufrufe: 31959

In Zeiten zunehmender Gewalt und Brutalität, bedingt unter anderem durch Veränderungen sozialer Strukturen, und verbunden mit dem Rückgang der Hemmschwelle, sowie im Umgang mit Patienten, die unter der Wirkung von Alkohol oder sonstigen Drogen stehen, beziehungsweise sich in einem psychischen Ausnahmezustand befinden, bleibt es oftmals nicht aus, dass auch das Einsatzpersonal von Rettungsdiensten und Feuerwehren tätlichen Angriffen ausgesetzt ist.

Alfred Brandner SelbstschutzBisher hatte man darauf vertraut, als „Retter“ von Angriffen verschont zu bleiben. Doch dem ist offensichtlich nicht so. Auch die „Dienstkleidung“ mit Erkennungszeichen, schützt nicht mehr vor Übergriffen. Bei einer Umfrage unter Rettungsfachpersonal gaben bisher 50% der Befragten an, dass sie selbst beziehungsweise ihre Teampartner schon einmal Opfer körperlicher Gewalt wurden. Darüber hinaus gaben 42 % der Befragten an, dass sie selber oder ihre Teampartner schon bedroht, jedoch nicht körperlich angegriffen wurden. Lediglich 8,33% der Einsatzkräfte sahen sich bisher keinem körperlichen Angriff oder keiner Bedrohung ausgesetzt.

Über ähnliche Ergebnisse aus seiner Studie 2010, verfügt der Rettungsassistent  und Gesundheitswissenschaftler Marian Lenk. (Gewalt gegen Notärzte und Rettungsdienstpersonal)

Bis heute ist eine stetige Zunahme des Aggressionsverhaltens erkennbar. Tätliche Angriffe und Bedrohungen im Einsatz nehmen zu. So wurde beispielsweise in Augsburg die Besatzung eines Rettungswagens geschlagen, weil sie aufgrund der falschen Adressangabe des Anrufers verspätet eintraf. In Ulm wurden zwei Besatzungsmitglieder eines RTW während des Einsatzes mit gezielten Kopfstößen in das Gesicht „niedergemacht“. Aus Buchholz kommt die Meldung, dass eine Einsatzfahrzeugbesatzung von einem Betrunkenen angegriffen und verletzt wurde. Auch in Kleve erlitten Einsatzkräfte bei einem Angriff Prellungen und Quetschungen. In Langhorn bedrohte ein psychisch Kranker die Besatzung mit einem Messer, so dass sich diese nur mit der Flucht aus dem eigenen Fahrzeug retten konnte. Alkoholisierte und aggressive Jugendliche bedrohten Kollegen der Rettungswache Bruchsal. Pöbelnd und beleidigend in ihrem Verhalten, betraten sie das Gelände des Rettungsdienstes. Vor der Festnahme durch die Polizei beschädigten sie noch Glastüren. Auf der Autobahn 8 wurde eine Rettungswagenbesatzung im eigenen Fahrzeug verprügelt. In Göppingen wurde Rettungsfachpersonal nach einer Schlägerei an der Patientenversorgung gehindert. Massive Polizeipräsenz war erforderlich. Bekannt sind Angriffe auf Feuerwehreinsatzkräfte anlässlich des G8-Gipfels in Rostock. Weitere Meldungen kommen aus Hamburg, Berlin und Dietzenbach in Hessen. Heftig waren auch die Übergriffe auf Einsatzkräfte beim Wohnhausbrand in Ludwigshafen. Ein vergleichbares Geschehen ereignete sich bei einem Wohnungsbrand in Soltau. In Offenbach, rücken Fahrzeuge der Rettungsdienste, zu Einsätzen in manche Wohngegenden nur noch in Begleitung der Polizei aus. (Offenbach Post)

Die Liste der bereits dokumentierten Angriffe auf Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst ist lang. Zudem muss man von einer erheblichen Zahl nicht dokumentierter Fälle ausgehen.

Fakt ist: Gewalt gegen Einsatzkräfte gehört mittlerweile zum Einsatzalltag. Die Frage, wie man auf Drohungen und Gewaltanwendungen im Einsatz sinnvoll reagieren soll, wird inzwischen bereichsübergreifend diskutiert und beschäftigt die Einsatzkräfte und das Führungspersonal aller Organisationen nachhaltig.

Wer angegriffen wird, darf sich wehren – das gilt selbstverständlich auch für Einsatzkräfte von Feuerwehren und Rettungsdiensten.

Doch was tun in solchen Fällen? Wie kann man sich gegen gefährliche Angreifer wehren? Und was darf man und was nicht?

Eine pauschale Aussage ist nicht möglich. Doch es gibt Möglichkeiten, die zur Entspannung in „heiklen“ Situationen beitragen können.  Das Personal der Rettungsdienste und der Feuerwehren, kann sich z. B. in Selbstschutzmaßnahmen schulen lassen. Hieraus gewonnene Erkenntnisse erleichtern das Vorgehen im Bedarfsfall.

Als  Instruktor für Selbstverteidigung, und „aktiver“ im Taekwondo, sowie geschult in Kampf- und Selbstverteidigungspraktiken anderer Disziplinen, und zudem noch als Rettungsassistent im Einsatzdienst tätig, entstand die Idee zur Ausarbeitung geeigneter Selbstschutzseminare. Nach der Überwindung gewisser Hürden, habe ich bereits in 2006 die ersten Seminare durchgeführt. Diese finden bis heute regen Zuspruch, und werden regelmäßig von den Teilnehmern mit überdurchschnittlichen Bewertungen belohnt.

Grundlegender Inhalt der Ausbildung ist ein Einblick in rechtliche Grundlagen. (§§ 32 StGB – Notwehr, 33 StGB – Notwehrüberschreitung § StGB – Rechtfertigender Notstand) Die Maßnahmen zur Notwehr und die Verhältnismäßigkeit der Mittel, werden mit praktischen Beispielen demonstriert. Realitätsnahe Fallbeispiele verdeutlichen das Gefahrenpotenzial an den Einsatzstellen. Besprochen wird der Umgang mit Gewalt und Aggressionen im rettungsdienstlichen Einsatz. Bei der praktischen Ausbildung kommen keine schwer zu erlernenden Kampfsporttechniken zur Anwendung. Gelehrt werden einfache Abwehr- und Befreiungstechniken. Ziel  der Unterweisung ist es, dem Rettungsfachpersonal, Notärzten und den Kräften der Feuerwehren, angemessene Verhaltensweisen im Umgang mit „auffälligen“ Patienten oder „Umfeld“ zu vermitteln. Bei eventuellen Angriffen sollen einfache, aber effektive Techniken, zumindest Schutz- und Fluchtmöglichkeiten gewährleisten. Die Einbeziehung in ein „anhaltendes Kampfgeschehen“ ist nicht vorgesehen.

Eigene Erfahrungen und Erkenntnisse aus diversen Einsätzen ermöglichen einen nahezu optimalen Praxisbezug. Die Ausbildung ist im Wesentlichen auf die Bedürfnisse von Rettungsdienstpersonal,  Notärzten und Feuerwehrkräfte zugeschnitten. Man muss jedoch unbedingt beachten, dass solche Seminare eher als „Arbeitshilfe“ zu sehen sind. Kampfkunst ist ein Lebensweg und kann nicht in einem Semester oder in wenigen Stunden erlernt werden. Kampfkunst ist auch nicht dafür gedacht gegen jeden Angreifer gewappnet zu sein, sondern insbesondere auch dafür, um seine Persönlichkeit so weit zu entwickeln, dass man in der Lage ist, eventuellen Angreifern aus dem Weg zu gehen.

Auch Feuerwehr-Einsatzkräfte, Rettungsdienstpersonal und Notärzte, sollten bei erkennbarem Konfliktpotenzial unverzüglich den „geordneten“ Rückzug antreten. Zuständig für Gewalttäter ist die Polizei. Diese verfügt über entsprechende Rechte, Kenntnisse und Ausstattung zur Bewältigung diverser Ausnahmelagen.

Die im Selbstschutz – Seminar erlernten Techniken, können und sollen insbesondere im Falle eines nicht vorhersehbaren Angriffes, entsprechende Schutz- und Fluchtmöglichkeiten bieten – nicht mehr.

Vor Selbstüberschätzung warne ich ausdrücklich. Und auf „Rettungsdienst – Rambos“ können wir gerne verzichten.

Zur Person:

Alfred Brandner (1952) Schwäbisch Gmünd – Durlangen  

Technische Berufsausbildung zum Glasmacher, Seefahrtausbildungen mit Einsätzen in Kriegs- und Krisengebieten (u.a. Kongo, Angola) Weitere Ausbildungen    in den Bereichen „Sicherheit und Schutz“. Seit 1985 hauptberuflich als Rettungsassistent im Einsatzdienst des Deutschen Roten Kreuzes.(DRK)

Inhaber geprüfter und international anerkannter „Taekwondo – Meistergrade“ nach den Bestimmungen der „World Taekwondo Federation „(WTF) und der „Internationalen Taekwondo Federation“ (ITF), Instruktor für Spezial - Selbstverteidigung mit ständiger Weiterqualifizierung in Nahkampf- und Selbstverteidigungspraktiken verschiedener Kampfsportdisziplinen.

Seit 2oo6 Leitung eines eigenen Sicherheit – Service, mit einem den Kenntnissen entsprechenden Dienstleistungsangebot.

Zahlreiche Veröffentlichungen zu Praxisthemen in Fachjournalen, Fachbüchern, Tagespresse, Rundfunk und Fernsehen.

Quelle: Alfred Brandner

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