Ohne Freiwillige geht es nicht

Augsburg | am 25.11.2010 - 09:26 Uhr | Aufrufe: 122

Die geplante Aussetzung der Wehrpflicht ab dem 1. Juli 2011 dürfte viele sozialen Einrichtungen in die Krise stürzen. Denn ohne Wehrpflicht gibt es auch keinen Zivildienst. Mit einem neuen Bundesfreiwilligendienst möchte die Bundesregierung dafür sorgen, dass soziale Einrichtungen nicht zusammenbrechen.

Ohne Freiwillige geht es nichtIm Kreis Günzburg gibt es Zustimmung zu den Plänen der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU), aber auch große Zweifel.

Für den Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Werner Tophofen, ist klar: „Wir können auf Zivis nicht verzichten.“ Beim BRK-Kreisverband sind im Behindertenfahrdienst, Rettungsdienst und im Altenheim St. Michael in Krumbach 18 junge Menschen beschäftigt. „Sollten die Zivis ganz wegfallen, hätten wir allein beim Fahrdienst jährlich 100 000 Euro mehr an Personalkosten“, hat Tophofen ausgerechnet. Er glaubt, dass nicht viele einfach so für den Bundesfreiwilligendienst zu gewinnen seien. Dazu müsse man Anreize schaffen. Freiwillige müssten bei der Vergabe von Ausbildungs- und Studienplätzen (Verkürzung der Wartezeit) und bei Stipendien Vorteile bekommen. Ob Bundesfreiwilligendienst oder Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) - wie man das Kind nenne, sei nebensächlich. Ohne zusätzliche Helfer gehe es jedenfalls nicht. „Wenn man gänzlich hauptamtliches Personal einsetzen muss, werden die sozialen Dienste immer teurer“, warnt Tophofen.

Ein Beispiel, dass ein Freiwilliges Soziales Jahr bereichernd sein kann, liefert Stephanie Holl aus Schneckenhofen ab. Seit Oktober arbeitet die Abiturientin in der Günzburger Kreisklinik. Sie hilft Patienten beim Waschen, holt Bettwäsche, misst den Blutdruck, bringt Blutproben ins Labor. Die 19-Jährige wusste noch nicht genau, was sie nach dem Abitur studieren will. Und weil auch Medizinerin eine Option sei, biete ihr das Krankenhaus die Gelegenheit, das Berufsfeld zu testen. „Mir gefällt es hier sehr“, sagt Holl.

Skeptisch ist der Vorsitzende des AWO-Verwaltungskreises Günzburg, Alfons Schier. Er zweifelt daran, dass viele junge Leute den Bundesfreiwilligendienst machen wollen. Ministerin Schröder möchte dafür auch Frauen und Senioren gewinnen. Die Arbeiterwohlfahrt hat in Krumbach drei Zivi-Stellen, davon sind zwei besetzt, informiert Schier. Die Zivildienstleistenden seien zusammen mit sieben ehrenamtlichen Fahrern bei „Essen auf Rädern“ und dem „mobilen sozialen Hilfsdienst“ eingesetzt. Die AWO suche derzeit nach Ersatzlösungen. „Wir versuchen, das Angebot mit 400-Euro-Jobs aufrecht zu erhalten“, sagt Schier.

Der Vorstand der Kreiskliniken Günzburg-Krumbach, Dr. Volker Rehbein, hat sich darauf eingestellt, dass die Zivildienstleistenden 2011 ganz wegfallen werden. Fünf bis sechs Zivis seien im Durchschnitt an den beiden Kreiskrankenhäusern beschäftigt. Früher, als die Zivildienstzeit noch länger war, hätten die jungen Männer bei der Pflege der Patienten eingesetzt werden können. Die Verkürzung auf sechs Monate im August dieses Jahres habe dazu geführt, dass Zivis vermehrt Hol- und Bringdienste verrichten. Dr. Rehbein ist dankbar, dass junge Leute neue Ideen in die Kreiskliniken bringen. Dem Vorstoß Schröders steht er offen gegenüber: „Ich halte das grundsätzlich für eine spannende Idee.“

Im Bezirkskrankenhaus Günzburg arbeiten derzeit noch sechs Zivildienstleistende, deutlich weniger als früher. Durch die Verkürzung seien die jungen Menschen effektiv nur knapp vier Monate da, sagt der Vorstandsvorsitzende der Bezirkskliniken Schwaben, Thomas Düll. Der wirtschaftliche Nutzen falle deshalb nicht mehr so ins Gewicht. Auch bei einem totalen Wegfall der Zivis würden Patienten im Bezirkskrankenhaus Günzburg nicht schlechter versorgt. Freiwillige seien aber durchaus willkommen. Wichtiger als wirtschaftliche Aspekte sei ein anderer Gesichtspunkt, sagt Düll: „Zivildienstleistende sind meist sehr motiviert, sie tun in unseren Häusern gut.“

Textautor: Berthold Veh; Bild: Bernhard Weizenegger

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