Schwabe schult Sicherheitskräfte in Afghanistan

Als Steppke hatte er eine ganz klare Vorstellung davon, was er einmal werden will: Astronaut sein und in Galaxien vordringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Soweit hat es für Thorsten Lehrmann nicht gereicht. Der 44-Jährige aus Illertissen (Kreis Neu-Ulm) ist Polizist geworden. Die Polizeiinspektion 15 in München ist sein Revier. Und doch wird Lehrmann neue Wege beschreiten. In fünf Tagen. Als erster Landespolizist aus Schwaben wird er nach Afghanistan fliegen, um dort bei der Ausbildung einheimischer Polizisten zu helfen.

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Seit wenigen Monaten ist auch das Bundesland Bayern bereit, sich an den Polizeimissionen am Hindukusch zu beteiligen. Sieben bayerische Polizisten sind dort bereits im Einsatz. In Kürze werden es zehn sein. Einer davon: Thorsten Lehrmann. Er tauscht für ein Jahr den Streifendienst im Münchner Stadtteil Sendling gegen Aufbauarbeit in einer ihm noch nicht bekannten Region in Afghanistan ein.

Weil er Urlaub hat, ist für den Polizeihauptmeister ausgiebig Zeit, sich auf das einzustellen, was ihn erwartet. Zuhause liest er im Moment bevorzugt die New York Times. „Ich muss mich frisch halten mit Englisch“, sagt er.

Seine guten Englischkenntnisse musste er bereits vor einigen Monaten anwenden, um eine Sprachprüfung mit Diktat zu bestehen. Ein Einzelgespräch, Fitness- und psychologische Tests standen ebenfalls am Beginn des Auswahlverfahrens. Dann folgten Rollenspiele in einer Gruppe. Beobachter beurteilten, wie die Kandidaten organisieren können und sich in Stresssituationen verhalten. Lehrmann wurde als „gut geeignet“ für die Aufgabe in Afghanistan eingestuft. Dabei hat ihm genutzt, dass er die Abläufe kannte, weil er bereits einmal im Ausland im Einsatz war. Vor acht Jahren arbeitete der Beamte für die Vereinten Nationen im Kosovo – als Schichtführer einer 35 Mann starken internationalen Polizeitruppe.

Die Kollegialität unter Polizisten, die sich zuvor nie gesehen hatten, hat Thorsten Lehrmann beeindruckt. Mit den vielfältigen Eindrücken eines zerrissenen Landes wuchs mit jedem Tag der Respekt den Menschen gegenüber, die sich in einem Bürgerkrieg zurechtfinden mussten.

Lehrmann fühlt sich wohl in Sendling, wo er seit 1995 Verkehrsunfälle aufnimmt, bei Raub und Einbrüchen ermittelt und auch schlichtend tätig ist – etwa bei Ruhestörungen oder Familienstreitigkeiten. Der Einsatz im Kosovo aber war wie ein Floh im Ohr. Bereits 2002 spielte er mit dem Gedanken, nach Afghanistan zu gehen, nachdem er davon gehört hatte, dass dort nordrhein-westfälische Polizisten im Auslandsdienst sind.

Ein Basis-Seminar in Brühl bei Köln hätte das Aus auf dem Weg an den Hindukusch bedeuten können. Wieder einen Englischtest und einen Lauftest bestand Lehrmann. Mit weiteren Bewerbern wurde der Dienstbetrieb in der Fremde simuliert. Bundeswehrsoldaten unterrichteten die Polizisten in Minenkunde.

Polizei_Illertissen-Schulung Afghanistan (ID: 15626)Vier Polizeibeamte, vier Feldjäger, Soldaten und ein Dolmetscher werden laut Lehrmann gemeinsam in ihrem Einsatzgebiet unterwegs sein. Sie besuchen Provinzregierungen, Dorfälteste, örtliche Polizeichefs und werden Dauergast, Ratgeber und Motivator in den Dienststellen sein. Der Illertisser weiß, was bei all den Kontakten das Wichtigste ist: „Sehr viel Fingerspitzengefühl“, sagt er.

Wie gut afghanische Polizisten bereits ausgebildet sind, wird erst am Ort des Geschehens offenkundig. Wie effizient kontrolliert wird, ohne den Selbstschutz zu vernachlässigen, sollen sie lernen. Es geht aber noch um grundsätzlichere Dinge: „Die Polizisten sollen präsent sein, sie sollen jeden Tag ihre Streifenfahrten machen.“ Manchen, hat er gehört, muss man erst beibringen, dass sie für den Dienst auch ihre Uniformen anziehen sollen. Lehrmann wird dabei versuchen, in möglichst wenige Fettnäpfchen zu tappen. Geholfen hat ihm der letzte Lehrgang in der Zeit vor Afghanistan – ein länderspezifisches Vorbereitungsseminar in Lübeck.

Experten brachten in mehrstündigen Vorträgen Land und Leute näher. „Wenn man einem Paar begegnet, gibt man dem Mann die Hand – nur dem Mann. Das ist der Klassiker“, sagt der 165 Zentimeter große Beamte (Spitzname auf dem Revier: Krümel). Ein anderes Beispiel: Ein afghanischer Gastgeber wird immer tiefer sitzen als die Gäste, die er zu sich eingeladen hat – als Zeichen der Hochachtung.

Lehrmann übte das Verhalten und Vorgehen in bestimmten Situationen ein. Wie rückt man aus einem Feldlager aus? Wie läuft der englische Sprechfunkverkehr ab? Die Abläufe sollen sich möglichst schnell automatisieren.

Dass er die Welt nicht verändern kann, weiß der Mann aus Illertissen. Aber vielleicht ein ganz kleines Stückchen dazu beitragen, dass sie ein bisschen besser, ein wenig sicherer wird.

Als Missionar fühlt er sich dabei nicht. Wenn er alles das in seinem Kopf zusammenbaut, was er über Afghanistan gehört, gesehen und gelesen hat, schwebt ihm ein ganz anderes Bild vor dem geistigen Auge. Irgendwie wird er, der schwäbische Polizist, in der kargen Landschaft Afghanistans das, was er immer schon sein wollte: Astronaut.


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