Förderverein Spezielle Rettung Mittelhessen gegründet

Mittelhessen | am 15.01.2011 - 18:00 Uhr | Aufrufe: 926

Wenn Menschen in großen Höhen oder Tiefen - zum Beispiel auf allgegenwärtigen Baukränen, Sendeanlagen, Strommasten, im Hoch- und Tiefbau - in Not sind, kommt die Höhenrettung. Allerdings nicht innerhalb Mittelhessens. Seit Januar 2009 ist Mittelhessen eine der wenigen Regionen in Deutschland, die sich den Höhenrettungsdienst, oder wie es ganz korrekt heißt 'Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen (SRHT), aus anderen Regionen holen muss.

Höhenrettung Mittelhessen

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Das dauert lange und ist ein Verlust an Versorgungsqualität für die betroffenen Menschen. Nun hat sich eine Gruppe Giessener Bürgerinnen und Bürger im Förderverein Spezielle Rettung Mittelhessen zusammengetan, um dieses Thema bürgerschaftlich zu lösen. Ziel der Initiative: Mittelhessen soll so schnell wie möglich eine Höhenrettungsgruppe bekommen, um den Menschen in der Region auch in Ausnahmesituationen ein verlässliches hohes Maß an Sicherheit und Lebensqualität zu gewährleisten.

Dass das Thema ganz offenbar wichtig ist und vielen unter den Nägeln brennt, zeigt, dass in kürzester Zeit ein tragfähiges Netzwerk gesponnen werden konnte. Die Städte Gießen und Wetzlar sind die maßgeblichen Motoren dieses richtungweisenden interkommunalen Vorhabens, die Stadt Marburg prüft derzeit, hier Dritter im Bunde zu werden. Sie sollen die Träger des Konzeptes werden. Auch das Deutsche Rote Kreuz Gießen und die Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin der Justus-Liebig-Universität unterstützen das Projekt Spezielle Rettung Mittelhessen. Sie werden die medizinische Fortbildung der Rettungssanitäter und Notärzte der zukünftigen "Schnelleinsatzgruppe Spezielle Rettung Mittelhessen" sicherstellen.

Unterstützung gibt es zudem aus der Bundespolitik: Der Notarzt und parlamentarische Staatssekretär Dr. med. Helge Braun findet das Thema so wichtig, dass er eines des Gründungsmitglieder des Fördervereins ist. Nicht zuletzt sind auch Notärzte und Leiter von Feuerwehren aus de Region froh, dass dieses Thema nun gelöst wird.

Der innenpolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, der Giessener Abgeordnete Wolfgang Greilich, begrüßt die Initiative mit den Worten: "Durch dieses ehrenamtliche Engagement schließen die Höhenretter eine Lücke in der Notfallvorsorge in Mittelhessen. Besonders erfreulich ist es, dass die Höhenretter zwar an bestehende Strukturen der verschiedenen Einsatzkräfte "andocken", aber hiermit keinerlei finanziellen Eigeninteressen verbinden."

An dem regionalen Konzept zur Sicherstellung der qualifizierten Rettung von Menschen aus Höhen und Tiefen ist auch der Landkreis Gießen 'überaus interessiert'. Aufgrund von ersten Gesprächen findet die für die Gefahrenabwehr zuständige Landrätin Anita Schneider die Idee einer "Mittelhessischen-Lösung" hoch interessant. Der Landkreis Gießen, vertreten durch Kreisbrandinspektor Mario Binsch, wird an weiteren Gesprächen zum Thema "qualifizierte Rettung aus Höhen und Tiefen in Mittelhessen" teilnehmen.

"Der plötzliche Verlust der Höhenrettungsgruppe vor nunmehr zwei Jahren war unschön, denn es entstand plötzlich eine echte Sicherheitslücke. Wir hatten in den Jahren davor anhand konkreter Situationen festgestellt, dass es eine zwar kleine, aber eben nicht weg zu diskutierende Zahl von Menschenrettungen gibt, bei denen die Höhenrettung alternativlos ist. Wenn es jetzt wieder einen solchen Fachdienst gibt, löst das ein Defizit." freut sich Michael Klier, Leiter der Feuerwehr Staufenberg, der die Gründung des Fördervereins begrüßt.

Auch Kliers Dienstvorgesetzter Bürgermeister und Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes Bürgermeister Horst Münch gefällt das Vorhaben richtig gut: "Ich habe mir das Konzept vorstellen lassen, das ist gut, das hat Substanz, das ist durchdacht, das ist realistisch, das ist in Aufwand und Nutzen abgewogen. Als Kommunalpolitiker sage ich: Da hat sich jemand ganz kluge Gedanken zu wertvollem bürgerschaftlichem Engagement gemacht. Die große Unterstützergemeinde kann hier mit kleinem Aufwand echt was bewegen, das ist moderne und in die Zukunft gerichtete Freiwilligenarbeit, die allen nützt."

"Ziel ist es nun, so schnell wie möglich für die Menschen in der Region einen Höhenrettungsdienst auf die Beine zu stellen. Es gibt einen Bedarf, es gibt Aufgabenträger, die sich die Kosten teilen. Vor allem aber gibt es qualifiziertes und motiviertes ehrenamtliches Personal - engagierte Fach- und Führungskräfte als die kostbarste Ressource überhaupt." erklärt der Notarzt Dr. med. Rainer Röhrig, der erster Vorsitzender des neuen Fördervereines ist.

Spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen, umgangssprachlich "Höhenrettung", ist eine Rettungstätigkeit im Gefahrenbereich, die nach dem Hessischen Brand- und Katastrophenschutzgesetz als allgemeine Hilfe im Zuständigkeitsbereich der Feuerwehren liegt, aber für eine Freiwillige Feuerwehr allein wegen des hohen Zeitaufwandes pro Jahr und Mann zusätzlich nur sehr schwer zu leisten ist. Höhenretter, meist Rettungssanitäter und Notärzte, arbeiten im Einsatz in meist 5 Personen starken Teams, um Notfallpatienten in extremen Situationen zu finden, aufzusuchen, notfallmedizinisch zu versorgen und dann aus dem Extrembereich unter Gewährleistung hoher Sicherheit für Patienten und eigenes Personal zu evakuieren. Operativ wird die Einheit im Einsatzfall dem jeweiligen Einsatzleiter der örtlich zuständigen Feuerwehr unterstellt. Die Klärung, wo die Gruppe zukünftig organisatorisch angegliedert wird - hierzu gibt es mehrere Alternativen - und wer sich alles an dem Konzept beteiligen wird, soll bis Ende Januar geklärt werden.

Spezielle Rettung gehört wegen des erforderlichen Trainings zu den zeitaufwändigsten Einzelfähigkeiten in der Gefahrenabwehr. Neben der 80stündigen Ausbildung zum Speziellen Retter gemäß der bundeseinheitlichen 'AGBF-Richtlinie SRHT' müssen danach jährlich 80 Stunden Training sowie zusätzlich knapp 40 Stunden medizinische Fortbildung nachgewiesen werden - in Gießen ehrenamtlich, unbezahlt und neben dem eigentlichen Beruf. Dazu kommen Einsätze und Übungen. Zudem müssen die eingesetzten Kräfte vor ihrer Ausbildung zum Speziellen Retter bereits Rettungssanitäter oder Arzt sein. Aus diesem Grunde findet die Höhenrettung in Deutschland zu über 95% durch hauptamtliche Kräfte, zum Beispiel bei Berufsfeuerwehren, statt. Die Möglichkeit, in Gießen nun kurzfristig mit bereits qualifizierten und vor allem ehrenamtlichen und unentgeltlichen Kräften, darunter Ärzte, Ingenieure und Rettungssanitäter, den Höhenrettungsdienst sicher zu stellen, ist eine bundesweit einmalige Gelegenheit.

Auch die vorhandene Ausstattung mit insgesamt drei Ausbildern für Spezielle Rettung ist in Gießen außergewöhnlich und sehr komfortabel. Ausschließlich diese 'Ausbilder SRHT' im Range eines Zugführers dürfen gemäß den einschlägigen Vorgaben Spezielle Retter ausbilden, trainieren und vor allem die seilunterstützten Rettungen leiten. Ihre Ausbildung setzt neben mehr als mindestens drei Jahren aktiver Einsatzerfahrung im Höhenrettungsdienst eine Ausbildung zum Zugführer voraus. Die Qualifikation zum 'Ausbilder Spezielle Rettung' wird danach in einem vierzehntägigen Prüfungslehrgang an der Feuerwehrschule des Landes Sachsen-Anhalt erworben.

Zudem ist es einmalig in Deutschland, bei einem solchen Thema in einem interkommunalen Verbund tätig zu werden, Aufwand und Kosten zu teilen. Bei Experten für Gefahrenabwehr gilt das vorliegende Konzept für die Spezielle Rettung in Mittelhessen als zukunftsweisendes Konzept für die Bewältigung der Gefahrenabwehr, dass in den kommenden Jahren Schule machen könnte.

So sieht es auch Gründungsmitglied, Giessener Arzt und parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. med. Helge Braun: "Der Höhenrettungsdienst, den wir in Mittelhessen hatten, war hinsichtlich Engagement, Qualifikation und Konzept ein echtes Kleinod ehrenamtlichen Engagements. Die Gruppe ist mir nicht zuletzt auch wegen ihrer wissenschaftlichen Forschung bekannt. So was lebt nicht von großen Tönen, sondern von Substanz, Disziplin und Kontinuität. Wenn es gelingt, dies wieder zu beleben, wäre das ein guter Wurf für die Sicherheit der Menschen in der Bildungs- und Medizinregion Mittelhessen. Ich danke sehr und anerkenne das Engagement der Projektmotoren, vor allem namentlich der Städte Gießen, Wetzlar und Marburg." freut such Gründungsmitglied Dr. Helge Braun.

Der Förderverein Spezielle Rettung Mittelhessen wird in der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt von der FeuerwehrAgentur. Beratung, Öffentlichkeitsarbeit gibt es auch für Deine Feuerwehr unter www.FeuerwehrAgentur.de.

Bild- und Textautor: PublicElements / Martin Lutz

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