Einsatztagebuch eines ASB-Helfers in Afrika

Äthiopien | am 16.08.2011 - 10:53 Uhr | Aufrufe: 1629

ASB-Nothilfeexperte Carsten Stork erkundet derzeit die Krisenregionen in Äthiopien und Uganda, um Hilfsmaßnahmen einzuleiten. In seinem Einsatztagebuch schildert er seine Eindrücke:

DRK Spenden für Hungersnot in Ost-AfrikaDonnerstag, 11. August 2011

Ivan und ich sind gestern Nacht noch im ASB-Länderbüro eingetroffen. Dort haben wir erste Vorbereitungen für unsere Projektreise am Sonntag besprochen. Hier in Uganda hat gerade die Regenzeit begonnen. Deswegen steht noch nicht ganz fest, inwieweit wir überhaupt bis nach Moroti in Karamoja vordringen können. Die Springfluten der vergangenen Nacht haben wohl einige Straßen unterspült. Da wir bis Sonntag aber noch ein wenig Zeit haben, warten wir´s mal ab. Es erscheint tatsächlich etwas absurd, dass wir aufgrund der Dürre hier sind, und nun vom Regen gestoppt werden…

Mittwoch, 10. August 2011

Wir sind wieder zurück in Addis Abeba. Dort habe ich mit den Kollegen von Islamic Relief die letzten Einzelheiten zu unserem gemeinsamen Projekt geklärt. Gemeinsam mit Islamic Relief wird der ASB ein Nothilfe-Projekt in Höhe von 200.000 Euro durchführen.

Heute Abend breche ich nach Uganda auf. In Kampala werde ich meinen Kollegen Ivan Marin treffen. Von der Hauptstadt werden wir in die Grenzregion Karamoja aufbrechen, wo der ASB ein Länderbüro unterhält.

Sonntag, 7. August 2011

Nach zwei Tagen Fahrt sind wir in Hargele angekommen. Dort führt Islamic Relief die meisten seiner Projekte durch.

Man rechnet hier in vier Jahreszeiten - jeweils zwei kurzen und zwei langen Regen- und Trockenzeiten. Die letzte Regenzeit von März-Juni fiel komplett aus. Die davor liegende brachte nicht in allen Regionen die normale Regenmenge. Insbesondere die Hirtenfamilien in den Regionen Somali und Afar leiden unter den schwierigen Bedingungen. Sie mussten ihre üblichen Wanderrouten verlassen, um ausreichend Wasser für ihre Kamele, Ziegen und Rinder zu finden.

Zusätzlich verschärft wird die Situation durch Nomaden aus Somalia, die ebenfalls auf der Suche nach Weideland und Wasser für ihre Herden bis nach Äthiopien wandern. Die wenigen verbliebenen Ressourcen müssen nun also noch geteilt werden. Zu Konflikten führt dies jedoch nicht, denn die Wanderhirten - ganz gleich, ob sie aus Somalia oder Äthiopien kommen – gehören der Stammesfamilie der Somalis an. Die Nomaden haben nicht dieselbe Vorstellung von Grenzverläufen wie wir. Sie nehmen einfach die traditionellen Routen und halten sich nicht an kartierte Landesgrenzen.

Das Verlassen der üblichen Routen bedeutet für die Familien eine zusätzliche Belastung. Da die Tiere weniger Futter und Flüssigkeit zu sich nehmen, geben sie auch weniger Milch. Sie können die an Unterernährung leidenden Familien nicht mehr ausreichend mit Nahrung versorgen. Außerdem verlieren die Tiere an Wert. Die Familien können sie nur noch zu einem geringen Preis verkaufen und verlieren somit zusätzlich eine der wenigen Einkommensquellen. Dementsprechend ist den Menschen, die von der Dürre betroffenen sind, nicht nur durch schnelle Verteilungsmaßnahmen geholfen. Sie müssen mittel- und langfristiger Unterstützung erhalten. Ein nachhaltiger Ansatz ist erforderlich, um der ohnehin permanent angespannten Situation entgegen wirken zu können.

Samstag, 6. August 2011

Wir werden morgen in Hargele eintreffen. Zuvor haben wir noch die Möglichkeit, einen Abstecher nach Dolo Ado zu machen, wo die meisten Camps für somalische Flüchtlinge sind. In der Region Dolo Ado soll seit fünf bis sechs Jahren kein Regen gefallen sein.

Dolo Ado ist eine Grenzstadt und liegt an zwei Flüssen. Sie führen momentan ausreichend Wasser und übernehmen den Großteil der Wasserversorgung der Stadt. Aber in den letzen Monaten ist die Anzahl der Flüchtlinge in der Stadt so stark gestiegen, dass die Einwohnerzahl von einst wenigen tausend Bewohnern auf mittlerweile 45.000 Menschen angewachsen ist. Die neu angekommen Flüchtlinge leben zunächst in Übergangscamps. Sie wohnen unter extrem einfachen Bedingungen, meist in selbst zusammen gezimmerten Hütten oder einfachen Zelten. Hier findet ihre Registrierung statt. Danach werden sie dann in die eigentlichen Flüchtlingscamps weitergeleitet.

Die Hütten befinden sich außerhalb Dolo Ados irgendwo im Nirgendwo. Weit und breit wachsen keine Bäume, die Schatten spenden könnten und bei Tagestemperaturen von bis zu 45 Grad lässt sich für uns erahnen, wie entbehrungsreich und anstrengend das Leben dort sein muss.

Insbesondere wenn man berücksichtigt, dass diese Menschen ihre Familien, Häuser und Dörfer aufgrund der angespannten Situation in Somalia verlassen mussten. Etliche sahen sich gezwungen, ihre Äcker und die ursprünglichen Weidegebiete brach liegen zu lassen sowie ihr Vieh und all das, was sie nicht tragen konnten, weit unter Wert zu verkaufen.

Der Weg in eines der Flüchtlingscamps, wo sie mit Nahrungsmitteln versorgt werden, ist für viele der letzte Ausweg. Ein eigenverantwortliches Leben wird für sie auf lange Zeit nicht mehr möglich sein. Sie werden mit ihren Familien auch in den nächsten Jahren hier leben müssen.

Derzeitig existieren hier vier Flüchtlingslager: Bokolomanya, Melkadida, Kobe und seit letzter Woche Haloweyn. Ein weiteres Camp ist in Planung (Boramino). Zuletzt sind im Schnitt zwischen 200 und 300 neue Flüchtlinge täglich hinzugekommen. Insgesamt halten sich in den Camps rund 120.000 Menschen auf.

Logistisch ist der Zugang und die Versorgung der Camps, wie der gesamten Region eine echte Herausforderung. Es gibt keinen Flughafen, nur eine kleine Piste, die allerdings auf kleinere Flugzeuge ausgerichtet ist. Hilfsgüter werden aus der Hauptstadt Addis mit LKWs in die Region transportiert. Die Fahrt kann bis zu zehn Tage dauern und der Transport ist dementsprechend zeit- und kostenintensiv.

Die Flüchtlinge werden hier von der internationalen Gemeinschaft mit dem Nötigsten versorgt, auch wenn es weiterhin an einigen Dingen mangelt. So ist insbesondere die Bereitstellung von ausreichend Latrinen für die Neuankömmlinge eine besondere Herausforderung. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln ist momentan jenseits der internationalen Standards. Nachts kühlt es in dieser Wüstenlandschaft empfindlich ab und insbesondere für die Kinder wird es dann richtig ungemütlich.

Donnerstag, 4. August 2011

Ganz generell gehen die Hilfsorganisationen hier in Äthiopien mit einer professionellen Gelassenheit mit der momentanen Situation um. Sie führen schon seit Monaten Projekte in den Bereichen Nahrungsmittelhilfe, Trinkwasserversorgung und Gesundheit durch. Dass es zu dieser Hungerkatastrophe kommen würde, war eigentlich schon seit Monaten bekannt.

Bei unseren Gesprächen informierten uns die Kollegen der vor Ort tätigen Hilfsorganisationen darüber, dass man bereits nach den sehr schwachen Regenzeiten des vergangenen Jahres auf eine Verschärfung der Lage hingewiesen hatte. Wir haben es hier nicht mit einer unmittelbaren Katastrophe wie einem Erdbeben oder Überflutungen zu tun. Vielmehr hat sich die Krise schleichend angekündigt. Hätte die internationale Gemeinschaft sie eher wahrgenommen, hätte man ihr auch früher begegnen können. Die internationale Öffentlichkeit ist allerdings erst Mitte Juli aufmerksam geworden.

Mittwoch, 3. August 2011

Heute fanden erste Treffen mit Vertretern der deutschen Botschaft, den Vereinten Nationen und der Europäischen Kommission sowie den lokale Ministerien statt. Zuwendungsgeber und Hilfsorganisationen kommen in regelmäßigen Abständen zusammen, um die laufenden Hilfsprojekte zu koordinieren. Morgen werden wir dann von Addis Abeba ins Landesinnere reisen.

Vom Beginn des Ramadans haben wir relativ wenig mitbekommen. Das bunte Treiben auf den Straßen der Hauptstadt läuft uneingeschränkt weiter. Islamic Relief verteilt während der muslimischen Fastenzeit an die Ärmsten Lebensmittelpakete. Das Teilen spielt in dieser Zeit eine zentrale Rolle.

So wurden wir etwa nach unserer Ankunft eingeladen, am traditionellen iftar, dem Fastenbrechen nach Sonnenuntergang, teilzunehmen. Als Christen sind wir ansonsten von den islamischen Essenszeiten unabhängig. Selbst unterwegs gibt es für uns tagsüber immer etwas zu essen. Meist das äthiopische Injera-Brot mit Tips, getrocknetem und kurz angebratenem Ziegenfleisch in Sauce.

Dienstag, 2. August 2011

Millionen Menschen in Ostafrika leiden unter der Dürre. Auch in Äthiopien und Uganda hungern die Familien und stirbt das Vieh. Ich werde für den ASB gemeinsam mit Islamic Relief, einer Partnerorganisation von Aktion Deutschland Hilft (ADH), ein Assessment durchführen, um dort Hilfe zu leisten.

Geplant ist, in den nächsten Tagen weiter in die Projektregion Somali zu reisen. Erster Stopp wird Negele sein und von dort weiter nach Hargele, wo Islamic Relief ein Feldbüro hat. Dort werde ich mir anschauen, in welchem Rahmen eine Kooperation zwischen dem ASB und Islamic Relief möglich ist.

Quelle: ASB

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