Gewalt gegen Retter: Johanniter absolvieren Deeskalations- und Selbsthilfetraining in Bad Nauheim

Bad Nauheim | am 11.12.2012 - 10:20 Uhr | Aufrufe: 900

Immer öfter werden Retter im Einsatz selbst zu Opfern. Nicht selten greifen pöbelnde und aggressive Schaulustige die Helfer an. In Bad Nauheim konnten nun Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe an einem Deeskalations- und Selbstverteidigungslehrgang teilnehmen.

Gewalt gegen Retter: Johanniter absolvieren Deeskalations- und Selbsthilfetraining in Bad NauheimNicht selten kommt es zu folgendem oder ähnlichem Szenario: Bei dem eingehenden Notruf wird der Rettungsdienst um schnelle Hilfe auf einer Veranstaltung gebeten. Zwei Retter der Johanniter machen sich auf den Weg zum Notfall. Vor Ort kann ein Helfer die verletzte Person versorgen, während sein Kollege die pöbelnden und gaffenden Schaulustigen vom Opfer versucht fernzuhalten. Plötzlich wird einer der Umstehenden aggressiv und greift den Helfenden an. Es folgt ein Schlag und der Helfer geht zu Boden. Der zweite Johanniter muss sich nun allein um das Opfer und die umstehenden Schaulustigen kümmern. Was wäre wenn, der verletzte Johanniter den Schlag hätte abwehren oder sogar gänzlich vermeiden können?

Selbstverteidigung mit „Hsia Pai Le“ für die Johanniter in Bad Nauheim

Zu diesem Thema trafen sich am vergangenen Sonntag die Trainer des „Hsia Pai Le“ Kampfkunst Verbandes Hessen und Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe in Bad Nauheim zu einem Deeskalations- und Selbstverteidigungslehrgang.

Der Lehrgang wurde im Vorfeld gemeinsam organisiert. Jakob Hennings und Geike Block von Seiten der Johanniter arbeiteten zusammen mit Großmeister Horst Leneis, welcher den Kurs leitete, unterstützt von Jens Becker, Torsten Beilke, Ulrich Besler, Meister Stefan Hasselbach und dem Meister Joel Wright.

Einfache Befreiungstechniken und deeskalierende Körpersprache

Inhalt des Lehrgangs war, neben einfachen Befreiungstechniken, deeskalierender Körpersprache und Zureden, das Befreien in beengten Situationen und Räumlichkeiten. Durch eine deutliche und bestimmende Sprache wie z.B. das Wort „STOP“, soll erreicht werden, dass sich eine Situation nicht weiter verschärft. Die Johanniter sind immer zur zweit unterwegs, d.h. sie arbeiten als Team am Unfallort und müssen sich aufeinander verlassen können. An diesem Tag konnten die Johanniter mit verschiedenen Partnern der „Hsia Pai Le“ trainieren. In einer Übung wurde auch der Blickkontakt, ein wichtiger Bestandteil der Körpersprache, trainiert. Mit dem richtigen Blick kann schon im Vorfeld angefallenes Gewaltpotenzial verringert werden. So kann das Gegenüber beispielsweise spüren, ob man ihm ängstlich oder bestimmend gegenübertritt. Alle geübten Techniken wurden durch Stresstests ständig geprüft und gefestigt. Am Ende des Lehrgangs fasste Großmeister Leneis die verschiedenen Techniken noch einmal zusammen und bedankte sich für die aufmerksame Zusammenarbeit.

Aufgabe Leben zu retten wird häufig behindert 

Vor dem praktischen Training konnten die Johanniter aus eigener Erfahrung berichten mit dem Fazit, dass ihre eigentliche Aufgabe Leben zu retten und schnell für den Patienten zu handeln, häufig behindert wird. Oft trifft die Polizei viele Minuten später am Ort des Geschehens ein. Da das allgemeine Gewaltpotenzial in den letzten Jahren verstärkt zugenommen hat, sind Helfer in brenzligen Situationen oft auf sich allein gestellt. Aus diesem Grund ist die Fähigkeit zur Selbstverteidigung und beschwichtigenden Verhaltensmaßnahmen immer wichtiger, um gefährliche Lagen schnellstmöglich aufzulösen – deeskalieren- zu können.

Mitarbeiter sollten versuchen, Gewalt zu vermeiden

Oliver Pitsch, Regionalvorstand der Johanniter freut sich, dass eine solche Zusammenarbeit zum Wohle der Mitarbeiter zustande gekommen ist: „Das Selbstverständnis der Johanniter-Mitarbeiter im Regionalverband Rhein-Main beruht darauf, zu den Helfern zu gehören und nicht zu Tätern oder einer Bedrohung zu werden. Unsere Mitarbeiter sollten versuchen, Gewalt zu vermeiden, ihr eher durch Fliehen auszuweichen, als sich körperlich zur Wehr zu setzen. Die Selbstverteidigung in der Form des weniger invasiven Selbstschutzes stellt die absolute Ultima Ratio dar.“

"Techniken wie einen Regenschirm bei sich haben"

Ein Teilnehmer des Lehrgangs fasste am Ende zusammen: „Es ist besser diese Techniken wie einen Regenschirm bei sich zu haben und nie anzuwenden zu müssen aber wenn es Regen gibt, ist es gut einen Regenschirm dabei zu haben.“
 

Quelle: Johanniter Bad Nauheim

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