Augsburger Nachtleben: Tritte, Bisse, Schläge - Die Polizei als Feindbild Nr. 1

Augsburg | am 07.03.2012 - 12:00 Uhr | Aufrufe: 1478

Auswüchse im Augsburger Nachtleben: Polizisten werden in Augsburg viel öfter attackiert als in München oder Nürnberg. Im Sommer soll die Polizeipräsenz nachts in der Innenstadt deutlich erhöht werden.

Symbolbild PolizeiPolizeipräsident Gerhard Schlögl ist ein besonnener Typ. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Gestern, bei der Vorstellung der aktuellen Kriminalstatistik, waren seine Worte sehr deutlich. Die Auswüchse im Augsburger Nachtleben hätten ein Niveau erreicht, das er „nicht mehr akzeptieren“ könne, sagte Schlögl. Der Polizeichef sorgt sich um das Wohl seiner Beamten. „Die Respektlosigkeit gegenüber den Kollegen ist unerträglich.“ Die Polizei will reagieren: Im Sommer soll die Polizeipräsenz nachts in der Innenstadt deutlich erhöht werden.

Erstmals nannte der Polizeipräsident gestern auch Zahlen, welche die steigende Gewaltbereitschaft im Nachtleben belegen. 962 Gewalttaten zählte die Polizei im vorigen Jahr in der Innenstadt. „Die allermeisten Delikte haben mit der Partyszene zu tun“, sagt Schlögl. Vor allem der Anstieg sei alarmierend. Vor zehn Jahren lag die Zahl der Körperverletzungen in der Innenstadt noch bei 394. Seither haben sich die Gewalttaten also mehr als verdoppelt. Alkohol sei die Hauptursache, so Schlögl. Die meisten Einsätze hat die Polizei in der Zeit von Donnerstag bis Sonntag, zwischen ein Uhr nachts und dem frühen Morgen. In lauen Sommernächten ist besonders viel los.

Für die Beamten sind die Auswüchse im Augsburger Nachtleben eine Belastung. „Es ist nicht mehr normal, wenn wir Wochenende für Wochenende verletzte Kollegen haben“, sagt Schlögl. 33 Polizeibeamte wurden 2010 verletzt. Die Beamten erlitten unter anderem Bisswunden und Trittverletzungen. Für das Jahr 2011 liegt dazu noch keine Statistik vor. Doch Schlögl geht nicht davon aus, dass die Zahlen sich bessern.

Im Mai vorigen Jahres wurden alleine in einer Nacht vier Polizisten verletzt, die vor einer Diskothek in der Ludwigstraße eine Schlägerei beenden sollten. Zwei Beamte wurden dabei in Arme und Beine gebissen. Die Polizisten wurden in jener Nacht auch von Unbeteiligten attackiert, die in der Nähe standen und sich einmischten. Das erleben die Polizisten immer häufiger. „Die Kollegen müssen sich bei Einsätzen immer öfter gegen Betrunkene verteidigen, die zufällig dazukommen“, sagt Schlögl. Es scheint, als ob die Polizei bei einem Teil der Nachtschwärmer das Feindbild Nr. 1 geworden ist. Die Zahl derjenigen, die regelmäßig nachts für Ärger sorgen, taxiert der Polizeipräsident auf bis zu 300. „Es ist eine Minderheit, aber eine, die uns große Sorgen bereitet.“

Sorgen haben vor allem die Streifenbeamten der Inspektion Mitte, die in der Innenstadt unterwegs sind. Was man nicht vermuten würde: Sie sind deutlich stärker belastet als ihre Kollegen in der Millionenstadt München und in Nürnberg. Das zeigt die Statistik. In Augsburg zählt man pro 100 0000 Einwohner 164 Straftaten, die sich gegen Polizeibeamte richten – von der Beleidigung bis zum Faustschlag. In München und Nürnberg waren es nur rund 90 Delikte je 100 000 Bürger.

Dazu kommt, dass die Inspektion Mitte nach Informationen unserer Redaktion unterbesetzt ist – wie im Grunde fast alle Dienststellen im Bereich des Präsidiums. Nur 100 von 130 Stellen in der Inspektion Mitte sind besetzt. „Der Sparkurs der Ära Stoiber wirkt immer noch nach, er hat viel zerstört“, sagt Nina Loibl, die Bezirksvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft. Seit Jahren hoffen die Beamten auf Verstärkung – bislang vergeblich.

Die Auswüchse im Nachtleben hatten auch den städtischen Ordnungsreferenten Volker Ullrich (CSU) auf den Plan gerufen. Er führte im Konsens mit Tankstellenbetreibern ein nächtliches Verkaufsverbot für hochprozentigen Alkohol ein. Zudem gibt es jetzt ein Kneipenverbot für Schläger – mehr als 40 Lokale machen mit. Doch das wird wohl nicht ausreichen, glaubt man bei der Polizei. Deshalb wird nun geprüft, wie die Polizeipräsenz in kritischen Nachtzeiten erhöht werden kann. „Wir müssen eine Antwort geben“, sagt Schlögl.

Textautor: Jörg Heinzle

Bild: retter.tv Archivbild

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