Wenn Ordnungshüter Opfer werden

Illertissen | am 01.02.2012 - 10:38 Uhr | Aufrufe: 624

Sozialpädagogin Johanna Pohl berät Beamte bei Problemen. Sie erzählt von hoher psychischer Belastung - zumal der Respekt vor den Beamten gesunken ist.

Wenn Ordnungshüter Opfer werdenSie verteidigen Recht und Ordnung. Doch immer häufiger werden Polizisten selbst zu Opfern von Gewalt und Aggressionen. Drei Städte im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West stehen im bayernweiten Vergleich sogar in den negativen Top Ten der Orte mit den meisten Übergriffen auf Beamte: Neu-Ulm, Kempten und Memmingen. Wir sprachen mit Diplom-Sozialpädagogin Johanna Pohl (53) vom Polizeilichen Sozialen Dienst über diese Entwicklung und die psychische Belastung der Polizeiarbeit.

Suchen die Beamten aufgrund der Attacken verstärkt Rat bei Ihnen?

Pohl: Nein, diese Übergriffe und Aggressionen sind nicht die Hauptanliegen der Polizisten bei Beratungsgesprächen. Ich hatte im letzten Jahr sogar keinen einzigen Fall deswegen. Für die Polizisten ist das aber schon eine Belastung in der täglichen Arbeit. Ich bin selbst einmal bei einer Schicht mitgefahren und habe miterlebt, dass eine junge Polizistin von einem Mann angespuckt wurde. Schlimm!

Wie gehen die Beamten statt dessen mit der zunehmenden Aggression ihnen gegenüber um?

Pohl: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn etwas außergewöhnlich Belastendes passiert, sich vorrangig der Chef und die Kollegen um den Betroffenen kümmern. Das ist wichtig, denn diese Personen kennen den Sachverhalt und den Menschen besser. Ich behalte dann im Auge, ob ich doch gebraucht werde oder weitere Unterstützung notwendig ist. Außerdem trainieren Polizisten zum Beispiel den Umgang mit einem aggressiven Gegenüber. Schwierig sind überraschende Situationen, auf die man sich nicht vorbereiten kann.

Was ist die Ursache für die steigende Anzahl an Übergriffen?

Pohl: Aufgrund des gesellschaftlichen Wertewandels kann man insgesamt eine verstärkte Respektlosigkeit gegenüber bestimmten Berufsgruppen feststellen. Dazu gehören Lehrer, Juristen, Pfarrer und eben auch Polizisten. Früher, wenn ein Fahrradfahrer einem Polizisten entgegengefahren ist, sei dieser abgestiegen. Heute müssen Polizisten darauf achten, dass sie nicht über den Haufen gefahren werden.

Mit welchen Anliegen kommen die Beamten denn zu Ihnen?

Pohl: Die wirklich bewegenden Sachen sind Liebe und Anerkennung, Krankheit oder Tod. Wie bei allen anderen Menschen auch. Allerdings unterliegt die Polizeiarbeit ganz besonderen Bedingungen: Es handelt sich um einen gefährlichen Beruf, die Polizisten können innerhalb Bayerns versetzt werden und sie arbeiten oft im Schichtdienst. Das alles kann belastend sein. Oft resultieren daraus Einsamkeit, Isolation oder Beziehungsprobleme. Einen großen Raum meiner Arbeit nehmen auch schwer belastende Erlebnisse ein.

Wie zum Beispiel?

Pohl: Polizisten sind immer als Erste vor Ort – auch bei Unfällen. Da sehen sie Sachen, die traumatisierend wirken können, wie zum Beispiel schwer verletzte Unfallopfer. Solche schwerst belastenden Ereignisse werden zunächst verarbeitet, tauchen aber manchmal viel später wieder auf. Gerade dann, wenn man nicht mehr damit rechnet und sie nicht mehr zugeordnet werden können. Da bin ich Ansprechpartnerin, denn als gestandener Mann gesteht man solch eine „Schwäche“ ungern vor den Kameraden ein.

Text: jaj

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