Vier Tage im Dauereinsatz - Das Pfingsthochwasser 1999 in Augsburg

Augsburg | am 06.05.2011 - 15:29 Uhr | Aufrufe: 6789

In einem von persönlichen Eindrücken geprägten Erlebnisbericht schildert Wolfgang Meßmer den viertägigen Dauereinsatz des THW-Ortsverbandes Augsburg beim Kampf gegen das „Pfingsthochwasser“ und dessen Auswirkungen, die bis dahin unvorstellbar gewesen waren.

Pfingsthochwasser THW Augsburg

17 Bilder
Mai 1999: Ein besonders warmer Frühling mit starken Niederschlägen in Süddeutschland und plötzlich einsetzender Schneeschmelze in den Bergen. Seit Christi Himmelfahrt, dem 13. Mai, regnet es auch bei uns immer wieder ausgiebig. Die Böden sind durchweicht.

Am 22. Mai, dem Samstag vor Pfingsten, tritt die Paar im Gemeindegebiet von Kissing über die Ufer. Der Ortsverband Friedberg fordert uns zur Unterstützung an. Wir rücken in Zugstärke aus. Unser Einsatzgebiet ist das bereits großflächig überflutete Neubaugebiet um die Kissinger Paartalhalle. Unser „Job“ ist es, Öltanks zu sichern und Keller auszupumpen. Da inzwischen das Grundwasser so stark angestiegen ist, dass es in die leer gepumpten Keller nachdrückt, stellen wir die Arbeiten ein.

Am frühen Nachmittag noch keine Gefahr

Lech und Wertach führen zwar Hochwasser, doch am frühen Nachmittag besteht noch keine akute Gefahr. Vorsichtshalber stellen wir jedoch die Einsatzbereitschaft des Ortsverbands her. Pfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38307)Die Personalstärke der Züge und Fachgruppen wird festgestellt, schließlich haben wir Urlaubszeit. Vorsichtshalber werden weitere Führungskräfte, Kraft- und Radlader-Fahrer voralarmiert. Zu diesem Zeitpunkt gehen wir noch von einer möglichen Unterstützung für unsere Nachbarortsverbände im Umland aus. Die weitere Entwicklung scheint diese Annahme zu bestätigen: Der Ortsverband Friedberg bittet um Unterstützung beim Füllen von Sandsäcken.

Das ist ein Job für unsere Ausbildungsgruppe. Da ich damals der Ausbildungsbeauftragte des Ortsverbandes war, fahre ich mit meinen Jungs nach Friedberg. Im Bauhof füllen wir unzählige Sandsäcke, stapeln diese auf Paletten und helfen beim Verladen auf Lastkraftwagen.

Gegen 19.00 Uhr werden wir über Funk in unseren Ortsverband zurückbeordert. Die Wertach steigt immer weiter an. Am Ackermannwehr, an der Wellenburger Straße, ist es zu einer „Verklausung“ gekommen. Bäume, Äste und anderes Treibgut haben sich im Wehr verfangen und lassen sich auch nicht mehr mit den bereitstehenden Baggern entfernen. Als wir in unserer Unterkunft ankommen, herrscht dort bereits reger Betrieb. Die ersten Fahrzeuge rücken zum Einsatz aus. Meine Jungs von der Ausbildungsgruppe dürfen nicht mit in den Einsatz. Zu ihrer „Freude“ warten wieder einmal Sandsäcke, die verladen werden müssen. Mir wird eine Gruppe von acht Mann zugeteilt.

Sandsack auf Sandsack - ohne Pause

Aufsitzen und abrücken zur Wertachbrücke an der Wellenburger Straße. Dort angekommen, melde ich mich bei der Einsatzleitung. Unser Auftrag: „Verstärkung des Dammes mit Sandsäcken am westlichen Ufer zwischen der Brücke und dem Wehr.“ An unserer Einsatzstelle sind schon Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr sowie einige Anwohner bei der Arbeit. Wir reihen uns in die Kolonne ein und buckPfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38308)eln und schuften ohne Pause, Sandsack auf Sandsack. Dennoch können wir kaum mit dem steigenden Wasser Schritt halten. Plötzlich bemerken wir, dass wir beim Begehen der Deichflanke leicht einsinken. In den Trittspuren sammelt sich sofort Wasser. Der Deich ist also völlig durchweicht und kann mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln wohl nicht mehr lange gehalten werden. Rund 200 Meter weiter flussabwärts droht die Wertach bereits die westliche Seite des Ackermannwehres zu umspülen. Dort ist unser Radlader im Einsatz und verbaut Flussbausteine zur Stabilisierung des Ufers. Nach Rücksprache mit der Einsatzleitung ziehen wir uns vom gefährdeten Deich zurück. Doch plötzlich strömt die Wertach über die Wellenburger Allee. Wie wir später erfahren, hatte sich ein treibender Baum unter der Wertachbrücke verfangen und zu einem Stau geführt. Das Wasser ist reißend und rund einen halben Meter tief. Es ergießt sich in die Wiesen und in die nahegelegene Gartenanlage. Der Rückweg zur Brücke ist abgeschnitten. Also zurück auf den gefährdeten Deich. Unser Radladerfahrer erkennt die missliche Lage. Er nimmt uns auf und transportiert nach und nach die gesamte abgeschnittene Mannschaft in der Radladerschaufel auf trockenen Boden.

Dort angekommen sammle ich meine Gruppe. Die Mannschaft wird verpflegt. Es ist mittlerweile ungefähr 23.30 Uhr. Von der Einsatzzentrale gibt es neue Aufträge. Ich werde mit zwei Mann eingeteilt, um die Feuerwehr bei der Sicherung der Kirche „Zum Heiligsten Erlöser“ zu unterstützen. Der Rest der Gruppe wird zur Verstärkung des Deiches auf der Gögginger Seite der Wertach, südlich der Brücke, abgestellt.

Pfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38314)

Die Kirche befindet sich auf der Gögginger Seite der Wertach unmittelbar an der Wertachbrücke. Der reißende Fluss ist an dieser Stelle bereits über die Ufer getreten und strömt an der Westfassade des Gotteshauses entlang. Das Wasser drückt durch eine geschlossene zweiflügelige Türe in den Kirchenraum. Eine Sandsackverbauung an der Außenseite ist zu diesem Zeitpunkt wegen des reißenden Wassers bereits nicht mehr möglich. Im Inneren der Kirche haben zwei Feuerwehrkameraden damit begonnen, die Türöffnung mit Sandsäcken abzudichten. Wir helfen mit. Der Wasserstand an der Außenseite der Türe beträgt mittlerweile schon mehr als einen halben Meter. Um die mit Blech beschlagenen Türflügel zu stabilisieren, verkeilen wir sie zusätzlich mit Kanthölzern. Das durch die Sandsäcke sickernde Wasser schieben wir mit Gummilippenwischern quer durch das Kirchenschiff und an der trockenen, flussabgewandten Seite durch eine Türe wieder nach draußen. Bei dieser Arbeit werden wir von Gemeindemitgliedern unterstützt. Das Tosen der reißenden Wertach wirkt in dem großen Kirchenschiff Pfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38309)irgendwie gespenstisch. Wir beobachten, dass der Wasserstand langsam, aber stetig, ansteigt. Und wieder muss eine Lage Sandsäcke aufgelegt werden. Regelmäßig schicken wir einen Kameraden zur Erkundung vor die Kirche. Der Sandsackwall an der Wellenburger Straße, der uns den Rücken freihält, hält dem Wasser stand. Allerdings scheint es, soweit dies in der Dunkelheit zu erkennen ist, dass sich die Wertach auf der Höhe der Kirche immer weiter in das Ufer Richtung Gotteshaus frisst. So vergeht die Zeit. Gegen 1 Uhr dringt ein dumpfes Grollen und Krachen in die Kirche. Was hat das zu bedeuten ? Besteht Gefahr ? Da bemerken wir, dass das Rauschen an der Kirchentüre nachlässt. Auch der Strom des Sickerwassers verliert an Intensität. Das kann nur bedeuten, dass der Wasserstand zurückgeht. Irgendwie muss es den Kameraden am Wehr gelungen sein, die verfangenen Bäume zu lösen. Vielleicht haben sie das ja mit einer Sprengung geschafft ? Auf die Idee, dass das ganze Wehr buchstäblich „den Bach runter gegangen“ sein könnte, kommen wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Schließlich hatte das Ackermannwehr in seiner über hundertjährigen Geschichte schon manchem Hochwasser getrotzt.

Das schützende Ackermannwehr gibt es nicht mehr

Kurz darauf werden wir von unserer Einsatzstelle abberufen. Erst jetzt erfahren wir, was tatsächlich geschehen ist. Das Wehr gibt es nicht mehr und die Wertach ist dabei, sich ein neues Flussbett Richtung Uhlandwiesen und Pfersee zu graben. Zur Zeit wird versucht, diesen Ausbruch durch das Einbringen von großen Flussbausteinen zu stoppen. Von der Einsatzleitung heißt es, dass die THW-Kräfte, die bereits seit gestern Vormittag im Einsatz sind, abgelöst werden. Endlich geht’s nach Hause, nach mehr als 16 Stunden im Einsatz.

In unserer Unterkunft herrscht reges Treiben. Der Hof ist voll mit „fremden“ THW-Fahrzeugen. Es handelt sich um die vom Landesverband organisierten Pfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38312)Unterstützungskräfte, die hauptsächlich aus den vom Hochwasser verschonten fränkischen Gebieten angerückt sind. Ich melde mich noch kurz bei unserem stellvertretenden Ortsbeauftragten, der unseren Einsatz koordiniert. Dort erfahre ich, dass ich erst ab Mittag wieder zum Dienst eingeteilt bin. Ich fahre hundemüde nach Hause. Obwohl ich eigentlich kein Wasser mehr sehen kann, gönne ich mir noch eine heiße Dusche bevor ich mich ausschlafe. Das tut gut nach den Stunden in feuchten Klamotten.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird mir erst am nächsten Morgen bewusst. Aus dem Lokalradio erfahre ich, dass sich die aufgestauten Wassermassen nach dem Wehrbruch durch Göggingen und Pfersee gewälzt haben. Ich mache mich schon am Vormittag auf in unsere Unterkunft. In der Einsatzzentrale verschaffe ich mir einen Lageüberblick.

Wasserstand: über eineinhalb Meter

Einige Straßen in Göggingen und große Teile von Pfersee stehen unter Wasser, manchmal über eineinhalb Meter hoch. In den betroffenen Gebieten sind Wasserwacht und DLRG mit Booten unterwegs, um die Bevölkerung zu versorgen und eilige Transportfahrten durchzuführen. Die neue B 17 ist teilweise überflutet und kann deshalb nicht mehr durchgängig befahren werden.

Pfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38315)THW Kameraden, die im Urlaub von der Katastrophe über Radio, Fernsehen oder durch Angehörige erfahren haben, melden sich in der Unterkunft. Einige „Althelfer“ stellen sich wieder zur Verfügung und werden reaktiviert.

Das THW beginnt gemeinsam mit der Feuerwehr in den Bereichen, in denen das Oberflächenwasser schon abgelaufen ist, mit dem Auspumpen der gefluteten Keller.

In dem in Bau befindlichen neuen Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Pfersee in der Gollwitzerstraße ist die örtliche Einsatzleitung eingerichtet. Von dort werden alle Einsätze angeordnet und koordiniert.

Gegen Mittag rücke ich mit einer Gruppe von der Unterkunft ins Einsatzgebiet ab und melde mich bei der örtlichen Einsatzleitung. Wir erhalten eine Einsatzstelle zugewiesen. Unser Auftrag: „Keller auspumpen“. Pfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38316)Und so geht’s weiter. Langsam kehrt Routine ein. Anfangs waren die Gruppen entsprechend den jeweils gerade vorhandenen Personalressourcen zusammengestellt worden. Daraus sind zwischenzeitlich feste Teams entstanden. Der Personaleinsatz erfolgt im Zweischichtbetrieb. Ich übernehme mit meinem Team in den nächsten Tagen jeweils die Nachtschicht.

Trotz aller Routine sind die Einsätze nicht ungefährlich. In den überfluteten Straßen oder Kellern ist mit fehlenden Gully- oder Revisionsschachtdeckeln zu rechnen. Bei einer Unachtsamkeit ist ein Beinbruch noch das kleinste Übel. Schlimmstenfalls verschwindet ein Helfer in einem Schacht. Das kann tödlich enden. Stromführende Hausanschlüsse und überflutete Keller sind ebenfalls eine gefährliche Mischung. Hier muss man sich darauf verlassen können, dass die Kollegen in der örtlichen Einsatzleitung rechtzeitig für eine Stromabschaltung an dem zugewiesenen Objekt sorgen. In einem Fall müssen wir unter Atemschutz in den überfluteten Keller eindringen, da dort Chemikalien gelagert sind.

Endlich: Alle Keller leergepumpt

Pfingsthochwasser THW Augsburg_Pfingsthochwasser... (ID: 38319)Bis zum Mittwoch, 26.05.1999, gelingt es schließlich mit vereinten Kräften, alle Keller im Schadensgebiet leer zu pumpen.

Abschließend gilt mein besonderer Dank einem Kameraden, der mich bei dem eingangs beschriebenen Einsatz auf dem durchweichten und glitschigen Deich durch einen beherzten Griff vor dem Abrutschen in den reißenden Fluss bewahrt hat. Leider habe ich ihn bei Dunkelheit und Regen nicht erkannt. Er hat sich auch später trotz mehrfacher Nachforschungen nicht zu erkennen gegeben.

Viele Weitere Bilder finden Sie in unserer Galerie.

 

Wolfgang Meßmer
Ortsbeauftragter THW Augsburg

    60 Jahre THW meßmer einsatzanzug (ID: 40367)
  • 54 Jahre, geboren in Augsburg
  • Dipl.-Verwaltungswirt (FH), Verwaltungsrat
  • Organisationsberater und Projektmanager bei der Stadtverwaltung Augsburg
  • 1975: Eintritt in das THW
  • bis 1992: Helfer, Truppführer, Gruppenführer, Zugtruppenführer jeweils beim 4. Bergungszug
  • 2006: Stellv. Ortsbeauftragter
  • 2009: Ortsbeauftragter


Bilder und Videos zu diesem Beitrag
Das könnte Sie auch interessieren
THW Augsburg Gerüstbau
Wie bringt man eine überlebensgroße, 200 kg schwere Christus-Statue in einem Kirchenraum auf rund zehn Meter Höhe hinauf, sodass weder die Statue noch die Orgel beschädigt ... mehr
am 05.05.2011 08:00
von THW OV Augsburgthw logo     
THW-1954 Hochwasserkatastrophe Isar
Von der „Technischen Nothilfe“ zum THW und von der Baracke zum Katastrophenschutzzentrum: Sechs Jahrzehnte Engagement im Dienst am Mitmenschen. mehr
am 05.05.2011 08:00
von THW OV Augsburgthw logo     
Um diese Funktion zu nutzen,
müssen Sie ein registriertes Mitglied von retter.tv sein.

Sie wollen aktiv an retter.tv teilnehmen, dann melden
Sie sich jetzt kostenlos an.

weiter zur Anmeldung