Freiwillige brauchen unsere Anerkennung - Angela Merkel im Interview

Münster | am 28.10.2011 - 19:25 Uhr | Aufrufe: 1876

Vor 90 Jahren gründeten 25 regionale Vereine vom Roten Kreuz eine Dachorganisation in Berlin. Das war der Startschuss für die Entwicklung des Roten Kreuzes zur heute größten Hilfsorganisation Deutschlands und zu einem wichtigen Ansprechpartner für die Politik. Anlässlich des Jubiläums sprach das rotkreuzmagazin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Was verbinden Sie persönlich mit dem Deutschen Roten Kreuz?

Freiwillige brauchen unsere Anerkennung - Angela Merkel im InterviewDas Rote Kreuz war eine der wenigen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die der DDR-Staatsapparat akzeptiert hat; wohl, weil er es gebraucht hat. So bin ich ihm schon früh begegnet. Das DRK spielt eine enorm wichtige und gute Rolle in unserem Land. Aus unserem Sozial- und Gesundheitssystem ist es überhaupt nicht wegzudenken. Landauf, landab, in großen und kleinen Städten engagieren sich die Rot- Bundeskanzlerin Angela Merkel: will die Freiwilligentätigkeit im Land fördern kreuzvereine für hilfebedürftige Familien, für Kinder und Jugendliche und für ältere Menschen. Was die vielen Ehrenamtlichen, auch die vielen jungen Menschen unter ihnen, da für das Gemeinwohl leisten, ist bewundernswert und gehört zu den ganz starken Seiten unserer Gesellschaft.

2011 ist das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit. Was plant die Regierung?

Für die Bundesregierung ist das wichtigste Ziel in diesem Jahr der Freiwilligentätigkeit, Menschen aller Altersgruppen und unterschiedlicher Herkunft zu ermutigen, sich in ihrer Umgebung zu engagieren. Wir planen dazu, über das ganze Land verteilt, acht verschiedene Konferenzen abzuhalten, damit diese Botschaft möglichst viele Menschen erreicht. Ich bin froh, dass sich viele Organisationen mit eigenen Aktivitäten an diesem Europäischen Jahr beteiligen. Auch das Deutsche Rote Kreuz ist ja mit seinem Kongress zum Thema „Engagement heute“ in Münster dabei.

Die Politik fordert immer mehr freiwilliges Engagement. Zieht sich der Staat von seinen Aufgaben zurück?

Auch wenn das manchmal behauptet wird – es stimmt nicht. Wir wissen aus vielerlei Befragungen, dass die Bereitschaft der Menschen zum freiwilligen Engagement sehr groß ist, besonders bei jungen Menschen und bei den Älteren. Und diese Bereitschaft, sich einzusetzen, etwas für andere zu tun, die wollen wir fördern. Es darf sich ruhig noch mehr herumsprechen: Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, hat auch etwas davon. Ehrenamtliche Arbeit macht Freude, sie bringt Anerkennung und Wertschätzung, sie macht das Leben reicher und sie sorgt dafür, dass unsere Gesellschaft besser zusammenhält. Und dennoch muss man sich über eines im Klaren sein: Professionelle Pflege- oder Sozialarbeit kann man nicht mit Ehrenamtlichen ersetzen und das wollen wir auch keineswegs.

Die Gesellschaft altert, die sozialen Sicherungssysteme geraten an ihre Grenzen. Werden wir zukünftig ohne stärkeres ehrenamtliches Engagement nicht mehr auskommen?

Zunächst mal ist es ja schön, dass wir älter werden als frühere Generationen, und auch die Chance haben, viel länger gesund und aktiv zu bleiben. Das fordert uns aber auch heraus, und eine der Antworten auf diese Herausforderung ist für mich das Ehrenamt. Ich meine damit nicht nur das Engagement für ältere Menschen, sondern auch das von älteren Menschen. Anderen zu helfen, wenn man sich selbst noch fit und leistungsfähig fühlt, darin liegt doch noch mal eine wunderbare Aufgabe. Wenn ältere Menschen sich in der Pflege anderer einsetzen, werden sie eine besondere Menschlichkeit in die Heime und Einrichtungen bringen, da bin ich sicher.

Deutschland ist ein Migrationsland. Wie kann man auch Menschen mit Migrationshintergrund für ein Ehrenamt gewinnen?

Es stimmt, Migranten und Migrantinnen finden oft keinen Zugang zu unseren traditionellen Organisationen; manchmal kennen sie sie auch einfach nicht gut genug. Das heißt aber nicht, dass sie nicht bereit sind, sich zu engagieren. Im Gegenteil: Viele kommen aus Kulturen, in denen es selbstverständlich ist, Hilfe zu leisten und Verantwortung in der Gemeinschaft zu übernehmen. Wir sollten stärker als bisher auf sie zugehen, denn wer sich für eine Gesellschaft engagiert, fühlt sich auch als ein Teil von ihr. Darin liegt eine große Chance. Die Bundesregierung fördert Modellprojekte, die Migranten passende Angebote machen. Auch unser Nationaler Integrationsplan verfolgt dieses Ziel. Dazu wird ein Dialogforum eingerichtet, das Migrantenorganisationen und andere Organisationen der Zivilgesellschaft zusammenbringt.

Was plant die Bundesregierung, um freiwilliges Engagement zukünftig stärker zu fördern?

Die Bundesregierung hat vor Kurzem die Nationale Engagementstrategie beschlossen. Wir wollen die Politik und die Projekte der Bundesministerien, der Länder und der Kommunen besser miteinander abstimmen und das, was es an Förderung auf den verschiedenen Ebenen gibt, wirkungsvoller machen. Wenn in diesem Sommer der Zivildienst wegfällt, werden wir nicht nur einen neuen Bundesfreiwilligendienst einführen, sondern auch die schon bestehenden Jugendfreiwilligendienste finanziell erheblich besser ausstatten. Aber es geht nicht nur um Geld: Uns liegt besonders daran, dass all die vielen engagierten Menschen auch Wertschätzung und Anerkennung zu spüren bekommen.

Auf welchen Feldern können DRK und Bundesregierung noch stärker zusammenarbeiten?

Wie gesagt, die Nationale Engagementstrategie lebt ja gerade von der Zusammenarbeit mit den Organisationen der Zivilgesellschaft. Eine weitere Möglichkeit wird es durch den Ausbau der Freiwilligendienste und den neuen Bundesfreiwilligendienst geben. Auch hier braucht die Bundesregierung die Unterstützung der Verbände. Ich danke schon jetzt dem Deutschen Roten Kreuz, dass es zahlreiche Plätze zur Verfügung stellen wird. Idealerweise, denke ich, wird die Zusammenarbeit von ehrenamtlichem Engagement und staatlichen Stellen jedoch nicht auf Bundesebene, sondern viel mehr vor Ort stattfinden. Dort entstehen die Probleme und nur dort können gemeinsam Lösungen gefunden werden. Und natürlich sind da auch die Rotkreuzvereine wieder gefragt.

DRK-Zukunftskongress: Zum Jahr der Freiwilligentätigkeit veranstaltet das DRK den Kongress „Engagement heute – Ehrenamt und Freiwilligentätigkeit“ vom 28. bis 30. Oktober in Münster. Freiwillige, Experten und Organisationen aus ganz Deutschland werden das Thema Ehrenamt diskutieren und die gemeinsame Charta „Ehrenamt heute und morgen“ erarbeiten. Gastrednerin ist die US-Amerikanerin Susan Ellis. Mit ihrem Unternehmen Energize berät sie seit 30 Jahren ehrenamtliche Organisationen auf der ganzen Welt.

www.engagement-heute.de

Quelle: rotkreuzmagazin 1_11
Bildautor: Ralf Lienert

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